Für den klinischen Alltag

20 Jahre AIM - Jubiläumstagung in der Rehaklinik Glottertal. © Sven Eisenreich

Wie also muss man sich Integrierte Medizin im klinischen Alltag vorstellen? Es beginnt mit der Frage: „Wie kann ich die Probleme dieses Patienten unter dem Aspekt seiner bio-psycho-sozialen Einheit verstehen“? Die Antwort versucht seine Passungsstruktur als lebendes System darzustellen:

  • auf der somatischen Ebene (zwischen Zellen, Geweben, Organen und ihrem „milieu interieur“)
  • auf der Ebene des Organismus (zwischen dem Körper und seiner physischen Umgebung)
  • auf der Ebene des Individuums (zwischen dem Patienten und seinen psychischen Problemen) und
  • auf der Ebene des Sozialen (zwischen dem Patienten und seiner mitmenschlichen Umgebung, zu der auch die Patient-Arzt-Beziehung unter dem Aspekt der Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse gehört).

Diese Absichtserklärung entwirft eine „Landkarte“ für die Prüfung der Frage: Auf welcher Ebene sind Passungen bedroht, und auf welcher Ebene sind Subsysteme durch ihre Kompensationsleistungen im Dienst der Passung des Gesamtsystems überlastet? Danach stellt sich die Frage nach dem Behandlungsauftrag, der zwischen Patient und Arzt unter dem Aspekt der Möglichkeiten und „der Kosten“ für den Patienten und den Arzt ausgehandelt und formuliert werden muss.

Im Einzelnen heißt das, dass Krankheit nicht als Defekt einer physikalisch-chemischen Apparatur verstanden wird, sondern als Ausdruck einer Passungsstörung auf der biologischen, psychischen oder sozialen Ebene eines Menschen als lebendes System.

Symptome werden nicht als Folge von Defekten gedeutet.

Symptome werden nicht als Folge von Defekten gedeutet, sondern als Zeichen für Kompensationsversuche in einem lebenden System, das seine Passung trotz einer Störung zu bewahren sucht.

Für Integrierte Medizin ist also die Orientierung an den Bedürfnissen und Werten des Patienten (auch sich selbst gegenüber) zentral. Der Patient bestimmt damit seine Behandlung von Anfang an und nimmt, soweit es ihm möglich ist, aktiv an seiner Diagnostik, Therapie und „Gesundheitsbildung“ (im Sinne seiner Rehabilitation und Prävention) teil.

Diese Patientenorientierung verlangt Beziehungsorientierung in zweierlei Hinsicht: Einmal muss eine Beziehung zum Patienten bzw. eine gemeinsame Wirklichkeit mit ihm aufgebaut werden. Zum anderen muss der Patient in dem Netz seiner Beziehungen gesehen, behandelt und angesprochen werden. Dies schließt die Berücksichtigung psychotherapeutischer Aspekte ausdrücklich mit ein (etwa die Wahrnehmung – und gegebenenfalls die Bearbeitung – unbewusster Beziehungsaspekte und Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene).

Integrierte Medizin heißt auch, den Patienten im Rahmen der Möglichkeiten unseres Gesundheitssystems verstehen und behandeln lernen. D.h. Patient und Therapeut müssen von den Möglichkeiten unseres Gesundheitssystems nicht nur wissen, sie müssen ihre Realisierung auch gemeinsam beraten. Dafür ist die Gestaltung der Aufnahme- und Entlassungssituationen von hoher Bedeutung. Hier kann der Kontakt zu neuen „Behandlern“ (z.B. einem Stationsteam, dem Hausarzt, oder der Familie) für diese und für den Patienten in einer integrierten Weise erlebbar gemacht werden.

Das Behandlungsteam muss für den Patienten eine passende Umwelt schaffen.

In diesem Zusammenhang ist das Behandlungsteam von besonderer Wichtigkeit: Es muss für den Patienten eine passende Umwelt schaffen. In ihm kann sich z.B. der Arzt als Experte für die somatischen Systemebenen (z.B. biochemische Parameter, Blutwerte usw.) verstehen und die Pflegenden als Experten für „Basisaktivitäten“ des Patienten. Zwischen allen Beobachtungsebenen muss eine Vermittlung und Integration geleistet (und d.h. auch immer „gegengeleistet“) werden. Dazu sind ein gemeinsames Modell (Menschenbild) und eine gemeinsame Sprache unerlässlich. Jede Behandlung ist in diesem Sinne eine gemeinsame Forschungsaufgabe (und ein gemeinsamer Prozess im Team und mit dem Patienten). Dabei müssen die Interaktionen im Team und zwischen dem Patienten und dem Team „stimmig“ bzw. „passend“ gemacht werden.

Jede Behandlung steuert und belehrt/integriert sich in diesem Sinne letztlich selbst. Aus diesem Grund ist eine ständige Selbstreflexion, Lernen, gemeinsames Hinterfragen und Sich-Ausbilden unerlässlich. Forschung, Lehre, Diagnostik und Therapie sind daher aufeinander bezogen.

Seite drucken