AIM-Modellwerkstatt 2014 – Fallvorstellung

Gerlind Leininger auf der AIM-Modellwerkstatt 2014. © Sven Eisenreich

Fallvorstellung, Samstag 15.11.2014

durch Gerlind Leininger

Als Zuhörer nehmen wir an einem Gespräch zwischen Ärztin und Patientin teil.

Die Patientin, Frau E., verweilt seit einigen Wochen in der Rehaklinik Glotterbad und hat sich zu dem Gespräch vor den Teilnehmern der Modellwerkstatt bereit erklärt, sie ist mit der anonymisierten Veröffentlichung des Gesprächs einverstanden.

Frau E. ist zunächst angespannt, die Hände halten sich aneinander fest.
Sie spricht von ihren erlittenen Herzinfarkten, dem damit verbundenen psychischen Auf und Ab, der zunehmenden Angst und der entstandenen Unfähigkeit, die Zeichen des Körpers angemessen zu deuten, wie ihr erster Hausarzt gar nicht damit zurecht kam, Bemerkungen wie: „Was wollen sie schon wieder?W waren an der Tagesordnung. Alles dreht sich um das Herz, den Thoraxschmerz, das Brennen und die Angst vor einem erneuten „Herzversagen“.

Im Fortgang des Gespräches wird deutlich, dass die Geschichte der Herzinfarkte mit der Geschichte ihrer Geschlechtsumwandlung verschränkt ist. Sie ist als Mann geboren, sitzt jetzt hier als Frau.
Ihr 4. Herzinfakrt war „extrem“. Es passierte in den Bergen beim Wandern. Mit einem Hubschrauber wurde sie geborgen, sie musste durch Seilzug in den Hubschrauber hochgezogen werden, sie war von schrecklicher Angst begleitet. Die geplante Geschlechtsangleichung musste infolge der ungünstigen Koronarsituation verschoben werden, desgleichen eine weitere Korrekturoperation, die in diesem Jahr hätte stattfinden sollen.
So konnte das, was sie sich so wünschte, die Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau, aufgrund ihrer Herzerkrankung nur verzögert umgesetzt werden. All ihre Angst, dass sie es nicht schafft, fokussiert sich in den letzten Jahren auf das kranke Herz. Sie konnte schließlich nicht mehr auf die Straße gehen, die Angst, dass etwas passieren könnte, hinderte sie.
In einer späteren Gesprächssequenz berichtet sie, dass ihr Angst nicht fremd sei: „Ich hatte immer Angst, vor den Eltern, der Oma, der Bundeswehr, dass ich in Frauenkleidern erwischt werde, dass es meine Frau bemerkt.“

Dank des Internets fand sie heraus, dass das, was mit ihr ist, einen Namen hat: Transsexualität. Auf einem langen Weg konnte sie sich mit ihrer Ehefrau auseinandersetzen, sie konnten klären, dass sie auch in der neuen Konstellation (Frau-Frau) zusammenbleiben. Scheinbar ist alles geklärt, nun macht das Herz nicht mit.

Während der Reha-Maßnahme macht sie die schmerzliche Erfahrung, dass ihre Leistungsfähigkeit tatsächlich eingebüßt hat, sie erzählt lächelnd von einem Spaziergang: „Ich gehe wie eine alte Frau.“ Sie ist entschieden, sie will das erreichte Leben als Frau genießen, hoffentlich bleibt ihr dazu Zeit. Allzuviel Zeit hat sie mit quälenden Gutachten und gesetzlichen Forderungen verbracht.
Abschließend wendet sie sich mit den Worten: „Nehmt die Transsexuellen ernst, so!“ an das Publikum.

Falldiskussion im Sinne einer reflektierten Kasuistik
Moderation: Gisela Volck

Die Diskussion wird strukturiert in acht Stufen durchgeführt.

  1. Was fällt Ihnen an der Kasuistik auf? In erster Linie werden hier Gefühle, Wahrnehmungen und Beobachtungen kundgetan.
    Angst essen Seele auf / Ergriffenheit-Angst-Nichts / Zyklisches Geschehen / Lebensführung in Angst / Extremformulierungen / Die Körpersprache / Diskrepanz Krankheit-Körper / Einengung / Mut-Müdigkeit-Sympathie / eine Botschaft
  2. Und was ist daran wichtig? Hier geht es um die individuelle Perspektive.
    Modell der Selbstregulation / Verschiedene Konstrukte / Widersprüchliche Darstellung / Dualismus / Bindungsverhalten und -theorie
  3. Was würden Sie gerne noch von der Patientin wissen? Zur Verdeutlichung des professionellen Konzeptes der Teilnehmer.
    Über den Verlauf der Kindheit / wie ist sie jetzt organisiert / wie alt ist sie / hat sie Kinder / was ist mit den Eltern / ihre Körperwahrnehmung / Verhältnis zur Sexualität, zur Lust / wie sieht ihr Umfeld aus / den genauen kardiologischen Befund
  4. Wie verstehen Sie die Kasuistik auf Ihrem beruflichen Hintergrund? und
  5. Stellen Sie sich vor, das wäre ihre Patientin, wie würden Sie weiter vorgehen?
    Geschichte einer sequentiellen Traumatisierung / Angst als Zeichen der mannigfaltigen Unsicherheiten – Begleitung / Chronische Krankheit / Altern / Verpasste Möglichkeiten / Wieviel Kardiologie braucht Frau E. / Lebensbegleitung
  6. Frage an die behandelnde und gesprächführende Kollegin: Was machen Sie jetzt mit den Rückmeldungen der Gruppe?
    Es ist deutlich geworden, dass die Geschichte von Frau E. eine Traumageschichte ist.
  7. Ist in der Gruppe eine gemeinsame Wirklichkeit entstanden?
    Die gemeinsame Arbeit wird als eine archäologische Fallrekonstruktion bezeichnet.
  8. Wie wurde die Moderation erlebt? Von der Gruppe, von der Moderatorin?
    Es herrscht allgemeine Entspanntheit und Zufriedenheit.
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