AIM-Modellwerkstatt in Glottertal

Werner Geigges begrüßt die Teilnehmer zur AIM-Modellwerkstatt. © Sven Eisenreich

Unter dem Titel: „Sprich, damit ich Dich sehe! Narrative Co-Konstruktion in der Therapeut-Patienten-Beziehung “ fand vom 14.-15. November 2014 wieder eine Modellwerkstatt der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) statt.

Eingeladen ins Glottertal hatte Dr. Werner Geigges, Chefarzt der Rehaklinik Glotterbad und Sprecher des Vorstands der AIM. „Aktuell werden in Deutschland in der ambulanten Medizin knapp acht Minuten für das Gespräch mit dem Patienten zur Verfügung gestellt„, so Geigges. „In Krankenhäusern von Stationsärzten nur vier Minuten und mit Angehörigen sogar nur etwa 20 Sekunden imDurchschnitt„, so Geigges weiter.

Unter dem Rationalisierungsdruck einer ökonomisierten Medizin wird in Anamnesegesprächen mehr und mehr ein Einsparpotenzial gesehen.

Nicht selten wird vorgeschlagen, solche Aufgaben an medizinisches Assistenzpersonal zu delegieren oder durch Fragebögen zu ersetzen.

Kommunikation bedeutet aber im medizinischen Kontext nur sekundär die Aufnahme von Fakten, primär ist es die Voraussetzung für den Aufbau einer gemeinsamen Wirklichkeit zwischen Therapeuten und Patienten. Von der Qualität dieser Passungsarbeit hängt ab, ob salutogenetische Ressourcen und Selbstheilungskräfte im Patienten aktiviert werden oder über Nocebo-Effekte Resignation, Ohnmacht und Autonomieverlust drohen.

In einer gemeinsamen Diskussion wurden mit Modellen der klinischen Linguistik und klinischen Semiotik anhand Zeichentheorie konkreter Videobeispiele  von Patienten-Narrativen diagnostische und therapeutische Aspekte einer „narrativ based medicine“
untersucht mit dem Ziel diese für unsere tägliche therapeutische Praxis nutzbar zu machen. Wie schon in den Jahren zuvor hat Frau Professor em. Dr. phil. Elisabeth Gülich vom Freiburg Institute For Advanced Studies (FRIAS) mit Ihren Beispiel-Interviews einen sehr nahen Praxisbezug hergestellt. In der gemeinsamen Diskussion wurde deutlich, wie sehr unsere Wahrnehmung und Interpretation eines Gesprächs von unseren eigenen Wirklichkeiten abhängig ist.

Auch zukünftig wird die AIM die Beziehung zwischen dem Patienten und seinem Behandler in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellen.

Als weiterführende Literatur verweisen wir auf das Buch: „Narrative Bewältigung von Traum und Verlust“ von Scheidt et al.

Seite drucken
Sven Eisenreich
Dr. med. Sven Eisenreich
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie