Christa Wolf und die Integrierte Medizin

Quelle: Suhrkamp/Insel

Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten – Briefe 1952-2011

Christa Wolfs Briefband enthält auch einen Brief zur Integrierten Medizin

Im März 2005 hielt Bernd Hontschik, langjähriges Vorstandsmitglied der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM), den Abschlussvortrag der DKPM-Tagung (Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin) in Dresden. Unmittelbar danach gab Christa Wolf eine Lesung aus ihrem Buch „Leibhaftig“. Aus dem anschließenden, langen Gespräch darüber wurde eine Art kleine Freundschaft, und so kam es auch zu einem kontinuierlichem Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Bernd Hontschik.

Quelle: Suhrkamp/Insel
Quelle: Suhrkamp/Insel

Nachdem Christa Wolf das 2006 im Suhrkamp Verlag erschienene Taschenbuch „Körper, Seele Mensch“ gelesen hatte, schrieb sie an Bernd Hontschik: „Die integrierte Medizin aufbauend auf einer Zeichentheorie – das ist mir ganz neu, und zuerst kam mir der Verdacht, daß dadurch auch wieder etwas Unlebendiges in die Vorgänge kommen könnte, die doch an Lebewesen beobachtet und wenn möglich geheilt werden sollen. Die Beispiele dann, die Sie bringen, haben diesen Verdacht widerlegt, aber es bleibt der Eindruck, daß die Theorie der integrativen Medizin doch recht kompliziert sein kann.“ Der Suhrkamp-Verlag hat nun einen Briefband aus dem Nachlass von Christa Wolf herausgegeben, in dem sich auch dieser Brief befindet, der 466. von 483. Der ganze Brief im Wortlaut:


Berlin, 8. November 2006

Lieber Doktor Hontschik,

gestern und heute habe ich Ihr Buch zum zweiten Mal gelesen, da möchte ich Ihnen doch ein paar Zeilen dazu schreiben.[1] Mich beschäftigt seit Jahren die Frage nach dem Zusammenhang von Körper, Seele, Geist, die Frage, inwiefern und inwieweit „körperliche“ Krankheiten psychische Ursachen haben. Durch Eigenbeobachtung stellte sich mir dieser Zusammenhang immer enger dar. Ich las viel über psychosomatische Medizin, deren Konzept mir einleuchtete. Übrigens hatte und habe ich gute Ärzte, reine Schulmediziner, die mich gut behandelten, aber bei Andeutungen auf psychische Zusammenhänge mit meinen Krankheitssymptomen ein bißchen begütigend lächelten.

Nun finde ich bei Ihnen, daß Sie auch die psychosomatische Medizin dem dualistischen Weltbild zuordnen, sie als „Notlösung“ sehen und anstelle dessen die „Integrierte Medizin“ als Modell entwerfen. Die Fragen, die Sie stellen, die Erklärungen zum Placebo-Effekt – das leuchtet mir alles ein. Besonders wichtig finde ich auch, daß das Menschenbild der herkömmlichen Medizin – der Patient als Maschine, auf die der Arzt bzw. das Medikament in vorhersehbarer Weise einwirken kann – daß dieses mechanistische Menschenbild aufgelöst wird. Es ist Ihnen ja bewußt, daß dieses mechanistische Denken nicht nur in der Medizin herrscht, sondern daß unsere ganze Gesellschaft und ihre Funktionsweise so gesehen wird, so daß es eigentlich eine heroische Anstrengung ist, in einem Bereich dagegen anzuarbeiten. Aber irgendwo muß man ja schließlich anfangen, und in der Medizin ist es sicher auch besonders wichtig.

Die Beispiele, die Sie bringen, finde ich sehr aussagekräftig, und ich glaube, daß es dem herkömmlichen Mediziner gar nicht aufgefallen wäre, warum die eine Wunde nicht heilen wollte, oder warum der junge Mann ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt seinen Motorradunfall hatte: Jedenfalls hätte der herkömmliche Mediziner kaum seine eigene Rolle als Person in diesem Heilungs- oder Nichtheilungsprozeß wahrgenommen, das ist ja allerdings auch wesentlich anstrengender und erfordert mehr eigene Reife und Selbstkenntnis vom Arzt, als wenn er sich nur oder wesentlich als Medikamentenverschreiber sehen würde.

So berühren sich hier also anscheinend sehr eng Medizin und Literatur, der Arzt und der Erzähler?

Besonders hellhörig wurde ich, als Sie…anfingen, von Sprache, von verbalen Zeichen zu reden, die es dem Individuum erst ermöglichen, „ein Narrativ der eigenen Existenz zu entwerfen und Sinnzusammenhänge herzustellen.“ Nun ist es ja eigentlich das, was ich „narrativ“, erzählend, jeden Tag versuche. So berühren sich hier also anscheinend sehr eng Medizin und Literatur, der Arzt und der Erzähler? Das ist mir kein ganz neuer Gedanke: daß es zur Gesundheit gehört (oder führt), sich im Dunkeln liegende Zusammenhänge bewußt zu machen, sie „zur Sprache zu bringen.“ …Gewöhnen muß ich mich an die teilweise wieder mathematische Sprache, in die die Theorie der integrierten Medizin sich kleidet: Semiotik, Konstruktivismus, Systeme, Untersysteme…Die integrierte Medizin aufbauend auf einer Zeichentheorie – das ist mir ganz neu, und zuerst kam mir der Verdacht, daß dadurch auch wieder etwas Unlebendiges in die Vorgänge kommen könnte, die doch an Lebewesen beobachtet und wenn möglich geheilt werden sollen. Die Beispiele dann, die Sie bringen, haben diesen Verdacht widerlegt, aber es bleibt der Eindruck, daß die Theorie der integrativen Medizin doch recht kompliziert sein kann. …

Ich hoffe und wünsche Ihnen, daß die fortschreitende Bürokratisierung des „Gesundheitswesens“ (welch ein Wort!) Ihnen die Freude an der Arbeit nicht ganz vergällt. Und ich grüße herzlich Ihre Frau.

Ihre Christa Wolf

[1] Hontschiks Buch: „Körper, Seele, Mensch – Versuch über die Kunst des Heilens“, erschien 2006 als Band 1 der Reihe medizinHuman bei Suhrkamp. Mit dem Chirurgen und dessen Frau Claudia hatte sich Wolf im September 2006 in Frankfurt getroffen.


Wer mehr aus der Korrespondenz von Christa Wolf lesen möchte, dem sei dieses großartige Buch ans Herz gelegt. Der Leser kann in 483 Briefen das Denken und Schreiben von Christa Wolf von 1952 bis 2011 nacherleben. Aus dem Klappentext heißt es: „Post, Post, Post. Dieser Stoßseufzer, notiert im Kalender unter dem Datum vom Sonntag, dem 4. März 1990, kommt nicht von ungefähr: Christa Wolf war eine ungeheuer produktive Korrespondentin. Ihre Briefe an Verwandte und Freunde, Kollegen, Lektoren, Politiker, Journalisten geben faszinierende Einblicke in ihre Gedankenwelt, ihre Schreibwerkstatt, ihr gesellschaftliches Engagement. Ob sie an Günter Grass oder Max Frisch schreibt, von Joachim Gauck Einsicht in ihre Stasi-Akte fordert oder sich mit Freundinnen wie Sarah Kirsch und Maxie Wander austauscht, wir sind Zeuge von Freundschaften und Zerwürfnissen, Auseinandersetzungen und Bestätigung, von der Selbstfindung einer der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts.“

Christa Wolf: Man steht bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952 bis 2011. Suhrkamp Verlag 2016; 1040 Seiten; 38,00 Euro.

Bernd Hontschik: Körper, Seele, Mensch. Versuch über die Kunst des Heilens. Suhrkamp Verlag 2006; 144 Seiten; 7,99 Euro

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