Das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell

Erster Beitrag im neuen Forum „Theoriediskurs“

Von Ottmar Leiß

Unser AIM-Mitglied Ottmar Leiß erläutert in diesem Beitrag wichtige Begriffe, die eng mit dem Konstrukt des bio-psycho-sozialen Modells G. Engels verbunden sind. Einige Begriffe davon werden auch in anderen Zusammenhängen erklärt; wir haben diese Doppelungen bewußt in Kauf genommen, weil zum einen die Beitrage in sich geschlossen lesbar und verständlich bleiben sollen und zum anderen weicht auch das Verständnis einiger Begriffe an der ein oder anderen Stelle voneinander ab. Da es sich um einen Theoriediskurs handelt, sollen diese Differenzen sichtbar bleiben.


Biopsychosoziales (Krankheits-) Modell

Das biopsychosoziale Krankheitsmodell wurde 1977 vom amerikanischen Internisten und Psychiater George L. Engel (1913–1999) entwickelt (1,2). Die allgemeine Systemtheorie, die Stressforschung und Risikofaktorenforschung waren wichtige Wegbereiter für das biopsychosoziale Krankheitsmodell. Es ist neben dem Konversionsmodell von Sigmund Freud, dem Stress-Modell von Hans Selye oder neueren psychobiologischen Ansätzen eines der international anerkannten Krankheitsmodelle.

Das biopsychosoziale Krankheitsmodell geht – wie ausführlich im Psychosomatik-Lehrbuch von Thure von Uexküll (3) erläutert – davon aus, dass Biologisches, Psychisches und Soziales nicht eigenständig sind, sondern Teile eines verflochtenen Ganzen darstellen, deren dynamische Wechselbeziehungen von kausaler Bedeutung für die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten sind (4).

Symptome von Krankheiten spielen sich zwar immer auf der Ebene der Person ab, aber Menschen sind selbst ein System aus vielen Subsystemen bis hinab zur molekularen Ebene. Systeme können (gemäß der Systemtheorie) emergente Eigenschaften besitzen und durch Selbstorganisation höhere Qualitäten hervorbringen. Gleichzeitig ist der einzelne Mensch Teil umfassender Systeme (z. B. Familie, Gesellschaft). Der menschliche Geist kann auf biologische und soziale System einwirken und diese verändern (3,4).

George L. Engel

George Libman Engel (1913 – 1999) studierte an der John Hopkins Universität in Baltimore Medizin. Seine internistischen Assistenzarztzeit verbrachte er am Mount Sinai Hospital in New York sowie an der Harvard Medical School und am Peter Bent Brigham Hospital in Boston. Dort lernte er den Psychiater John Romano kennen, arbeitete mit ihm zusammen und folgte ihm nach Cincinnati, als Romano 1942 dort die Leitung der Psychiatrischen Universitätsklinik übernahm. 1946 wechselte Romano an die Universität von Rochester. Engel bekam dort eine zur Hälfte in der Inneren Medizin und zur Hälfte in der Psychiatrie angesiedelte Stelle und war verantwortlich für den Aufbau eines psychiatrischen Liaisondienstes in der Inneren Medizin und die psychiatrische Ausbildung der Medizinstudenten (1). In den 50er und 60er Jahren führte er zahlreiche Studien zum Einfluss von Emotionen auf Krankheiten durch, wurde zu einer der Hauptfiguren der Psychosomatischen Medizin in den USA und war eine zeitlang Herausgeber der renommierten Zeitschrift Psychosomatic Medicine. Seine langjährigen Erfahrungen, dass Gesundheit und Krankheit auf einem Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren beruhen, mündeten in der Ausarbeitung des biopsychosozialen (Krankheits-) Modells (2,3).

Die Integrierte Medizin versucht, Krankheiten als Passungsstörungen zu beschreiben und zwar in der biosemiotischen, systemischen und konstruktivistischen Dimension.

Integrierte Medizin

Die Integrierte Medizin versucht, Krankheiten als Passungsstörungen zu beschreiben und zwar in der biosemiotischen, systemischen und konstruktivistischen Dimension. In der biosemiotischen Dimension können hierfür die Universalkategorien nach Charles S. Peirce zur Beschreibung verwendet werden, in der konstruktivistischen Dimension die Begriffe des kommunikativen und pragmatischen Realitätsprinzips, in der systemischen Dimension die Begriffe von Systemen und Subsysteme. (1). Zu Modell und klinischen Anwendungen sei auf das von Thure von Uexküll, W. Geigges und R. Plassmann herausgegebene Buch zur Integrierten Medizin (2) und andere Arbeiten verwiesen (3,4).

Thure von Uexküll

Thure von Uexküll (1908 -2004), Sohn des Biologen Jakob von Uexkülls (1864-1944), Begründers der biologischen Bedeutungslehre, war Internist und Wegbereiter der psychosomatischen Medizin in Deutschland sowie Mitbegründer der Biosemiotik.

Nach Studium und Assistenzarzttätigkeit in Hamburg ging Thure von Uexküll 1935 nach Berlin und war dort Assistenzarzt und später Oberarzt bei G. von Bergmann an der Charité. Nach seiner Habilitation 1948 folgte er von Bergmann an die Medizinische Poliklinik der Universität München. 1952-1953 Rockefelder-Stipendium in den USA an den Zentren für Psychosomatische Medizin und Gastarzt der Inneren Abteilung des Presbyterian Hospitals der Columbia Universität. 1955 folgte er einem Ruf als Ordinarius und Leiter der Medizinischen Poliklinik an die neu gegründete Universität Gießen. Mit seinem 1963 erschienenen Buch ‚Grundfragen der psychosomatischen Medizin‘ wurde er zum Wegbereiter der Psychosomatischen Medizin in Deutschland. 1966 Ruf an die Reformuniversität Ulm auf den Lehrstuhl für Innere Medizin und Psychosomatik. Er engagierte sich dort u.a. für eine Reform des Medizinstudiums (mit Integration der Fächer Psychologie und Soziologie) (1,2).

Nach seiner Emeritierung 1976 entwickelte Thure von Uexküll den Funktionskreis seines Vaters Jakob von Uexküll, Begründers der biologischen Bedeutungslehre, zum  Situationskreis weiter und stellte in ins Zentrum seines Psychosomatischen Lehrbuchs (3) und seines 1988 zusammen mit W. Wesiak veröffentlichten Buchs ‚Theorie der Humanmedizin (4). Anfang der 1990er Jahre initiierte er zusammen mit Thomas A. Sebeok mehrere internationale Kongresse zur Biosemiotik, der Zeichenverwendung in der belebten Natur (1,2).

Thure von Uexküll gründete am 15. August 1992 die Akademie für Integrierte Medizin (AIM), um die Spaltung der Medizin in einen „kranken Körper ohne Seele und eine leidende Seele ohne Körper“ zu überwinden. Die AIM, die sich nach dem Tod Thure von Uexkülls in Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin umbenannte, verfolgt das Ziel, die verloren gegangene psychosoziale Dimension in alle Fachgebiete der Medizin zurückzubringen (5).

Situationskreis

„Im Situationskeis vollzieht sich der Aufbau von Wirklichkeit zunächst als hypothetisches Deuten von Daten, die zum Teil aus dem Körper, zum Teil aus der Umgebung stammen (Bedeutungsunterstellungen vor der endgültigen Bedeutungserteilung), und als ständiges Testen der Praktikabilität der zur Deutung eingesetzten Programme für die Problemlösung (zunächst in der Vorstellung als Phantasie eines ‚Probehandelns‘).

Der Sitautionskreis unterscheidet sich von dem Funktionskreis durch Zwischenschaltung der spielerischen Phantasie, in der Programme für die Bedeutungserteilung (‚Merken‘) und Bedeutungsverwertung (‚Wirken‘) zunächst in der Vorstellung durchgespielt und erprobt werden. Dadurch wird die Situation in der Phantasie experimentell (durch Probehandeln) vorkonstruiert; das heißt, Bedeutungserteilung erfolgt zunächst als (hypothetische) Bedeutungsunterstellung, deren Konsequenzen in der Phantasie (durch ‚Probehandeln‘, d.h. Bedeutungserprobung) abgetastet werden.“ (1)

Der von Uexküllsche Situationskreis ähnelt Vorstellungen von Charles S. Peirce zur pragmatischen Methode des Wissenserwerbs (Pragmatismus).

Systemtheorie

In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten – ausgehend von Ludwig von Bertalanffy’s Begriff des Fließgleichgewichts (1) – kybernetische Modelle der Rückkopplung einen zentralen Stellenwert zum theoretischen Verständnis von Organismen und ihrer Regulierung des ‚milieu interieur‘ (Regulierung der Körpertemperatur, des Glucosespiegel, des Blutdrucks, etc.). Die Systemtheorie hat Vorstellungen entwickelt, wie teilautonome Subsysteme kooperieren und im Sinne des Gesamtsystems interagieren. Dabei können beim Übergang vom Subsystem zum System bis dato unbekannte, emergente Eigenschaften auftreten, die auf der Ebene des Subsystems fehlen, aber charakteristisch für die Systemebene sind. Systemtheoretische Überlegungen spielen in George Engels biopsychosozialem Modell eine wichtige Rolle. Der Soziologe N. Luhmann (2) hat die Gesellschaft, gesellschaftliche Prozesse und gesellschaftliche Institutionen in systemtheoretischen Begriffen interpretiert.

Literaturnachweise Leiß Theoriediskurs I

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