Das Dilemma der Diagnosen am Beispiel des DSM-V

Prof. Dr. Asmus Finzen, Psychiater, auf der AIM-Jahrestagung 2015. © Sven Eisenreich

Vortrag von Prof. Dr. Asmus Finzen auf der 18. Jahrestagung der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin in Frankfurt

Von Britta Susanne Fröhlich

Asmus Finzen hat sich nach seinem Studium der Medizin und Soziologie 1973 an der Universität Tübingen in Psychiatrie habilitiert und hielt dort und an der Medizinischen Hochschule Hannover Vorlesungen zur Sozialpsychiatrie. Er ist Gründungsmitglied der „Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie“ und war als Mitbegründer und Herausgeber der „Psychiatrischen Praxis“ bis 2007 tätig. 1975 wurde er als Mitautor der „Psychiatrie- Enquete“ über Deutschland hinaus bekannt. Er setzte sich für die Öffnung von Allgemeinkrankenhäusern für psychiatrische Abteilungen ein und entwickelte sozialpsychiatrische Konzepte für die Behandlung von Psychosekranken. An den Psychiatrischen Kliniken Basel hatte Finzen bis zu seiner Emeritierung mit dem Schwerpunkt der Behandlung Schizophrener in leitender Position gearbeitet. Besondere Beachtung galt für ihn der Thematik „Gefahr von Suizidalität“ bei dieser Patientengruppe.

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Britta-Susanne Fröhlich, Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin aus Frankfurt a. M.

Das DSM-V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wurde im Mai 2013 von der American Psychiatric Association veröffentlicht, eine deutsche Übersetzung ist zur Zeit noch in
Arbeit. Es ist ein Klassifikationssystem für die Erstellung von Diagnosen in der Psychiatrie. Gegenüber dem DSM- IV (1999 herausgegeben) wird von den jetzigen Entwicklern die Forderung
erhoben, die Anwender müssten Kompetenz und Erfahrung im klinischen Alltag haben. Neu ist die Einteilung von Diagnosen in „leicht – mittel – schwer“, was Kritiker daran bemängeln. Es könnte
im Praxisalltag dazu verleiten, Befindlichkeitsstörungen zu pathologisieren. Es wird nach Anzahl von Symptomen gewichtet, also nicht mehr nach der Ausprägung eines Symptoms. Auch habe z. B. die Pharmaindustrie einen Vorteil davon gehabt, als das PMS (Prämenstruelle Syndrom) von den Diagnosen der Gynäkologie in den Psychiatrie- Katalog geschoben wurde. Seitdem könne Fluoxetin (Halbwertzeit von 105 Stunden!) „leichter“ verordnet werden.

Neu im DSM-V sind die Autismus-Spektrum-Störungen, für das ADHS sind strengere Kriterien erstellt worden. Auch ein Erwachsenen-ADHS ist aufgenommen worden, worüber sich die
Pharmaindustrie freut. Die Position Finzens erschien neutral gegenüber dem DSM-V.  Dessen vehementester Kritiker, Allen Frances („Vater“ des DSM-IV) wurde von Finzen ironisch als
„reuiger Sünder“ qualifiziert.

Im sich an den Vortrag anschließenden Workshop wurde die Erstellung von psychiatrischen Diagnosen im Zusammenhang mit dem Gutachterverfahren für die Antragstellung von
Psychotherapien erörtert. Es wurde zwischen „weichen“ und „harten“ Diagnosen , z. B. bei der Behandlung von schizophrenen oder schizoaffektiven Patienten diskutiert, welche Konsequenzen
gegenüber den Patienten selbst und auch ihren Angehörigen entstehen können. Die Beachtung der Gefahr von Suizidalität wurde gesehen, ebenso die Bedeutung von Diagnoseangaben in den
Krankenakten und gegenüber Versicherungsträgern.

Inwieweit der DSM-V, das Buch umfasst mehr als tausend Seiten, Einzug in den klinischen Alltag finden wird, blieb für alle Workshop- Teilnehmer offen.  Letzlich wurde von Finzen auch an die
Fortentwicklung des ICD-11 erinnert.

Britta-Susanne Fröhlich ist Diplom-Psychologin und AIM-Mitglied der Regionalgruppe Frankfurt.

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