Diagnose im gesellschaftlichen Diskurs

Annelies Schimak aus Wien. © Sven Eisenreich

Vortrag von Annelies Schimak auf der 18. Jahrestagung der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin in Frankfurt

Darstellung der Psychosomatik in Lehrbüchern der Medizin: Weglassen, kleinmachen, eingrenzen

Annelies Schimak, Ärztin und Psychologin aus Wien, eröffnete ihren Vortrag mit einer Abbildung aus Thure von Uexküll’s Lehrbuch „Psychosomatische Medizin“ und der Feststellung, dass er die Integration der Psychosomatik in das bestehende Medizinsystem forderte.

Ist die Psychosomatik in der „Schulmedizin“ angekommen?

Schimak stellte die Frage nach der Integration der Psychosomatik in das medizinische Ausbildungssystem und untersuchte dies anhand bestimmter medizinischer, insbesondere den somatischen Bereich betreffender Lehrbücher in ihrer Diplomarbeit der Psychologie. Sie versuchte den verschiedenen Denkrichtungen in der Medizin über die Analyse der Sprache auf die Spur zu kommen. Sie zeigte wie Wörter und Begriffe Wirklichkeiten konstruieren.

In ihrer Schrift „Über die Schamesröte einer jungen Turnusärztin – Die Darstellung der Psychosomatik in Lehrbüchern der Medizin“ setzte sie sich in Form einer Diskursanalyse kritisch mit dem auseinander, „das ihr im Verlauf ihres Ausbildung zur Medizinerin als Lehrbuchwissen vorgesetzt worden ist“ (S. 12). Sie untersuchte konkreten Sprachgebrauch, gesellschaftliche Gegebenheiten und Praktiken. Eine Diskursanalyse zeigt auf, was in der Gesellschaft als „normal“ oder „Wahrheit“ gilt. Ihre These: Lehrbücher spielen eine herausragende Rolle im Entstehen eines gesellschaftlichen Diskurses und werden gleichzeitig durch den gesellschaftlichen Diskurs beeinflusst. Die Lehrbuchanalyse ist ein Mittel zur Aufdeckung, in welcher Form die Psychosoamtik in der Schulmedizin angekommen ist.

Die Diskursanalyse zeigt, mit welchen Mitteln und für welche ‚Wahrheiten‘ in einer Bevölkerung Akzeptanz geschaffen wird, was als normal und nicht normal zu gelten habe, was sagbar und (und machbar) ist und was nicht (Jäger, 2004).

Erste Feststellung war, dass es in der „Schulmedizin“ einen Konsens bezüglich des Umgangs mit der Psychosomatik zu geben scheint. Die Psychosomatik wird kaum erwähnt und wenn, dann in einer anderen Sprache. Das führte sie aus quer durch alle somatischen Fachrichtungen.

Hier soll der Erkenntnisgewinn der Untersuchung am Beispiel der funktionellen Herzbeschwerden aus dem Buch „Innere Medizin“ von Gerd Herold (2006) aufgezeigt werden:

Definition:

  • Chronisch-rezidivierende thorakale Beschwerden ohne Nachweis einer somatischen Herzerkrankung. Die Patienten fühlen sich herzkrank, es liegt aber kein objektivierbarer, organischer Befund vor, der die Herzbeschwerden erklärt.

Epidemiologie:

  • Häufig, ca. 15% der Patienten, die den Arzt wegen vermeintlicher Herzbeschwerden aufsuchen, die Mehrzahl der Patienten sind <40 Jahre.

Ätiologie:

  • Psychogen/psychosomatisch: Erhöhte Angstbereitschaft und gestörte Angstverarbeitung, übervorsichtige Persönlichkeit, vegetative Labilität.

Klinik:

  • Belastungsunabhängige thorakale Schmerzen.
  • Ev. auch Symptome eines Hyperventilationssyndroms
    „Herzanfälle“ mit Panikgefühl, Furcht zu sterben, Ohnmachtsgefühl.
  • Dauernde Beschäftigung mir der Möglichkeit einer kardialen Erkrankung.

Diagnose:

  • Anamnese (jüngere Patienten mit ähnlichen Beschwerden seit Jahren und wiederholten kardiologischen Untersuchungen ohne Krankheitsbefund).
  • Ausschluss einer organischen Erkrankung (körperliche Untersuchung, Blutdruck, EKG, Ergometrie.  Evt. zusätzliche kardiologische Untersuchung mit Echokardiografie und evt. Langzeit-EKG u.a.).

Therapie:

  • Aufklärung der Patienten über Harmlosigkeit der Beschwerden (kleine Psychotherapie im Rahmen des ärztlichen Gesprächs).
  • Entspannungstechniken.

Prognose:

  • Quoad vitam gut; in >50% der Fälle Chronifizierung, unnötige Einnahme von Medikamenten, unnötige Hospitalisierung.

Es handelt sich hier nicht um eine echte Krankheit, keine -pathie, auch kein Syndrom oder eine Störung, sondern einfach um Beschwerden oder vermeintliche Beschwerden. Kein objektivierbarer Befund, also subjektiv, etwa die subjektive Welt des Patienten! Der Gebrauch von Anführungszeichen weißt auf Glaubwürdigkeitsprobleme hin.

Unter Ätiologie wird beschrieben, wie PatientInnen sind, nicht was sie haben, wie bei organischen Erkrankungen. Der Begriff der „Harmlosigkeit“ steht der Erlebniswelt der PatientInnen entgegen: Wie kann etwas harmlos sein, das mit dem Gefühl der Ohnmacht einhergeht?

Die Aufklärung über die Harmlosigkeit der Beschwerden wird vom Autor als kleine Psychotherapie bezeichnet. Man fragt sich: Ist Kommunikation ein Gespräch, eine Psychotherapie? Es zeichnet sich ein nicht Ernstnehmen der kommunikativen Möglichkeiten ab. Dass es auch hier um Wissenschaft geht, wird durch die Wortwahl abgetan.

Die gute Prognose und die häufige Chronifizierung ist ein Widerspruch in sich selbst und ein Wegschieben der Problematik. Die häufigen Arztkontakte, die unnötige Medikamenteneinnahme und Hospitalisierungen werden nicht als ärztliche Behandlungsfehler dargestellt, sondern eher als ein Fehlverhalten der PatientInnen.

Insgesamt fällt auf, dass psychosomatische Überlegungen mit Gefühlen und damit mit Unwissenschaftlichkeit in Zusammenhang gebracht werden. Der Krankheitswert psychosomatischer Erkrankung wird durch Verharmlosung in Frage gestellt, fundierte psychosomatische Behandlungsmöglichkeiten werden nicht ausgeführt, ebensowenig die Bedeutung der Anamnese.

Psychosomatische Patienten sind leidend, fordernd, auffällig und…Frauen!

Es finden sich Passagen, in denen psychosomatische Erkrankungen in die Nähe von Täuschung und Simulation rücken. Der Genderaspekt spielt eine Rolle, Fallvignetten handeln überwiegend von Frauen. Die Sinnhaftigkeit des schulmedizinischen Vorgehens wird nicht überdacht, im Gegenteil die Entwertung der Psychosomatik wird weiter betrieben.

Schimak schließt ihre Untersuchung mit einer Überlegung zur Macht ab: „Es gibt die Macht der Medizin im Reigen der Wissenschaften, wo es um Verteilung von Ressourcen, um Dienstposten, universitätspolitische und politische Entscheidungen geht…Und es gibt die Macht der Medizin auf einer wirtschaftlichen Ebene, in der es um enorme Summen von Geld geht…Es gibt also auf verschiedensten Ebenen genügend Gründe, sich mit Macht und Machtverhältnissen auseinanderzusetzen, Macht zu erhalten und um Macht zu kämpfen. Jedoch ‚Die Macht ist nicht eine Institution, nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einzelner Mächtiger. Sie ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt‘ (Foucault 1983: S. 94). Die einzelnen Autoren sind demnach nur Rädchen in einem überindividuellen Netzwerk der Macht, indem sie am biomedizinischen Diskurs mitstricken“ (Schimak, S. 155).

Literatur:

Annelies Schimak: Über die Schamesröte einer jungen Turnusärztin. Die Darstellung der Psychosomatik in Lehrbüchern der Medizin. Verlag Dr. Korvac, Hamburg 2014.

Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Suhrkamp-Verlag. Frankfurt am Main 1983.

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