Syntagmawechsel in der Medizin

Die Bedeutung des Syntagmawechsels für die Medizin: „Subjekt“ und „Objekt“ – ein Beispiel

„Die Einführung des Menschen als Subjekt in die Medizin“, die V. v. Weizsäcker gefordert hat, setzt eine Definition des Begriffs „Subjekt“ voraus. Ein Beispiel aus der Geschichte der Biologie illustriert die Bedeutung dieser Definition:

1899 veröffentlichte J. v.Uexküll zusammen mit den Physiologen T. Beer und A. Bethe „Vorschläge zu einer objektivierenden Nomenklatur in der Physiologie des Nervensystems“ (v. Uexküll et al. 1899). Nach 16 Jahren experimenteller Forschung, die ihm die Bedeutung des Subjektbegriffs für die Biologie als Wissenschaft lebender Systeme gezeigt hatte, veröffentlichte er 1935 mit F. Brock „Vorschläge zu einer subjektbezogenen Nomenklatur in der Biologie“ (v. Uexküll et al. 1935).

Dieser Wandel war Ausdruck der Erfahrung, welche Bedeutung die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“ für die Terminologie einer Biologie haben, die ihre Grundbegriffe nicht mehr von der Physik übernimmt, sondern selbst definiert.

Probleme der Terminologie lassen sich – wie erwähnt – beantworten, wenn wir das Berufs-Milieu feststellen, in dem die Begriffe verwendet werden. Die Bedeutung des Begriffs „Objekt“ in einer „objektbezogenen Terminologie“ (bzw. „Nomenklatur“) lässt sich als Teil einer Sprache identifizieren, die das Technik-Milieu gestaltet. 1899 war die Medizin bemüht, eine angewandte Naturwissenschaft nach dem Muster der Physik zu werden, und die Physiologen bemühten sich mit wachsendem Erfolg darum, Physiologie als Biotechnik zu entwickeln. Sie definierten den Begriff „Subjekt“ als Techniker, d.h. als eine Instanz, die Gegenstände herstellen und verändern kann. Entsprechend wurde der Begriff „Objekt“ als technisch herstelllbarer und technisch zu verändernder „Gegenstand“ definiert.

Diese Definition gilt für viele Wissenschaftler noch heute. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die bahnbrechenden Erfolge der modernen Medizin der Entwicklung ihrer technischen Möglichkeiten zu verdanken sind und dass ein zentral wichtiger Bereich der ärztlichen Tätigkeit die Beherrschung technischer Methoden voraussetzt.

Der Arzt, der einen Eingriff in den Körper eines Patienten plant, kann gar nicht anders vorgehen, als sich den Körper oder das Organ, dem sein Eingriff gilt, als ein Objekt vorzustellen, das durch seine Technik verändert werden kann.

Das Berufs-Milieu definiert den Begriff des Objekts.

Aber diese Definition gilt für den Arzt, der den Körper oder das Organ für sein technisches Eingreifen „in Form bringen“ muss. Sobald wir „Körper“ und „Organ“ als lebende Systeme definieren, haben wir es nicht mehr mit Objekten, sondern mit Subjekten zu tun. Das Berufs-Milieu definiert den Begriff des Objekts. Bisher haben wir uns damit beholfen, dem Berufs-Milieu des Technikers einfach ein Berufs-Milieu des Psychologen gegenüberzustellen, d.h. wir haben uns unreflektiert mit der dualistischen Antwort begnügt und die Techniker für den Körper und die Psychologen für die Seele als zuständig erklärt.

Diese Zuordnung wird in dem Augenblick unhaltbar, in dem wir den konstruktivistischen Hintergrund der Zuordnung von Begriffen zu einem Berufs-Milieu und die Abhängigkeit des Objektbegriffs von unseren Handlungszielen durchschaut haben. Dann wird klar, dass der Beobachter und seine Zielsetzungen nicht ausgeklammert werden dürfen.

Jahre experimenteller Forschung hatten Jacob von Uexküll gelehrt, wie Beobachtung ihre Objekte denaturiert. Um dies zu vermeiden, muss man sie als „Subjekte“ beobachten, d.h. als Instanzen, die im Sinne H. v. Foersters beobachtende Systeme sind. Biologie wird dann zur Wissenschaft der lebenden Systeme, d.h. zur Wissenschaft von Subjekten als Zentren subjektiver „Welten“, deren Objekte von den rezeptorischen Funktionen des Subjekts aufgebaut werden.

Diese subjektiven Welten nannte Jacob von Uexküll „Umwelten“[1]. Sie sind (als „geschlossene Welten“) dem außenstehenden Beobachter nicht zugänglich. Er kann daher die Objekte, mit denen das Subjekt in Interaktion tritt, nur indirekt aus dem Verhalten des Subjekts erschließen.

Das bedeutet, dass die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“ nicht isoliert, sondern nur aufeinander bezogen definiert werden können: Es gibt kein Subjekt ohne ein zu ihm gehörendes Objekt, und es gibt kein Objekt ohne dazugehöriges Subjekt.


[1] „Bildlich gesprochen greift jedes Tier mit zwei Gliedern einer Zange sein Objekt an – einem Merk- und einem Wirkglied. Mit dem einen Glied erteilt es dem Objekt ein Merkmal und mit dem anderen ein Wirkmal. Dadurch werden bestimmte Eigenschaften des Objekts zu Merkmalsträgern, andere zu Wirkmalsträgern. Da alle Eigenschaften des Objekts durch den Bau des Objekts miteinander verbunden sind, müssen die vom Wirkmal getroffenen Eigenschaften durch das Objekt hindurch ihren Einfluss auf die das Merkmal tragenden Eigenschaften ausüben und auch auf dieses selbst verändernd einwirken. Dies drückt man am besten kurz so aus: „Das Wirkmal löscht das Merkmal aus“ (J. v .Uexküll 1983).“

Seite drucken