Die körperliche Untersuchung als Dialog

Tagungsort der Modellwerkstatt. © Sven Eisenreich

Nachdenken über die körperliche Untersuchung

Der Text stellt eine kurze Zusammenfassung zum Thema unserer Modellwerkstatt: „Die körperliche Unterschung als Dialog“ dar, die am 21. und 22. Februar 2014 im Krankenhaus Ginsterhof bei Hamburg stattfand.

Das Thema: „Die körperliche Untersuchung als Dialog“ öffnet den Blick dafür, dass wir uns beim Untersuchen in einem Feld bewegen, das Sprache benutzt und braucht, aber weit darüber hinausgeht. Es ist die Untersuchung des Körpers und mit dem eigenen Körper, vor allem den Händen und den Sinnesorganen. Ein kurzer Ausflug ins Herkunftswörterbuch zeigt:

  • „Unter“ hat zwei Vorfahren: „inter“ und „infra“, d.h. zwischen und unterhalb – zwei Ausdrücke für Räumliches.
  • Und „Suchen“ ist verwandt mit lat. „sagire“, d.h. wittern, spüren, ahnen.

Bei der Untersuchung wird Witterung aufgenommen, wir spüren (nehmen eine Spur auf) und ahnen; das tun wir mit dem ganzen Organismus.

Bei der Untersuchung wird Witterung aufgenommen, wir spüren (nehmen eine Spur auf) und ahnen; das tun wir mit dem ganzen Organismus. Genaugenommen bezieht also der Begriff „die körperliche Untersuchung“ sprachlich den Körper und Leib der Untersuchenden bereits mit ein.

Ich will einen Bezug zum theoretischen Fundus der AIM versuchen: „Der Organismus begegnet der Welt und nimmt sich für die Selbsthervorbringung heraus, was er braucht“, so Andreas Weber in dem Vortrag zur Biosemiotik bei der Jahrestagung 2013 im Glottertal.

Wie lässt sich das auf die körperliche Untersuchung beziehen? Mir scheint, dass die Berührung des Körpers des Kranken das zentrale Geschehen ist. Die Worte, die eingangs, währenddessen und im Nachgang gewechselt werden, gehören zum Berühren dazu. Sprache findet hierbei prozessorientiert, d.h. in den Handlungszusammenhang eingebettet, statt ebenso wie Gestik, Mimik und Körperhaltungen. Aus der Berührung, dem Hautkontakt nehmen beide Körper heraus, was beide Personen brauchen.
Das alles ist leichter zu tun als zu sagen, leichter getan als gesagt. Umgekehrt als im Sprichwort: leichter gesagt als getan.
Diese Formulierung „die Körper nehmen heraus, was die Personen brauchen“ klingt steif. Dabei will ich das Gegenteil, ich versuche ihre Phantasie anzuregen. Ich bitte Sie, sich vorzustellen, wie dieses Duett klingt – beide singen gleichzeitig und führen dazu noch einen Dialog mit Rednerwechsel und Aufeinander bezugnehmen.

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Anna Staufenbiel-Wandschneider auf der Modellwerkstatt 2014 in Hamburg.

Was ich beschreiben will, übersteigt die Darstellbarkeit in Sprache, es ist so vielstimmig und rauscht die Ebenen rauf und runter: Zelle – Organe – Vegetativum – Hormone – Immunsystem – Organismus – Person und Persönlichkeit auf beiden Seiten und zwischen beiden hin und her. Dabei finden immerzu Emergenzsprünge statt.

Wir treffen uns seit Jahren zu AIM-Werkstätten. Sie sollen „der Weiterentwicklung unseres Modells“ dienen. Ergänzend möchte ich hinzufügen, der Weiter-entwicklung unserer Beziehung zum Modell. Ich füge kurze Erläuterungen ein, was unter „Modell“ zu verstehen ist.
Eine zentrale Vorstellung ist, dass lebende Körper als Einheiten aus Organismus und Umwelt zu verstehen sind. Mittels dieser Sichtweise werden die subjektiven, individuellen Schöpfungen, die wir Krankheit nennen, als Ausdruck von Passungsstörungen eines Menschen zwischen sich und seiner Umwelt betrachtet.
Somit geht es um die Frage. Was bedeutet das Konstrukt, dass Passungsverlust zu Krankheiten führt, für unsere Praxis?

Ärzte und alle Behandler sind in diesem Modell nicht die Experten für das Heil des Kranken, sondern haben die Aufgabe, die subjektiven Wirklichkeitsvorstellung eines Patienten und ihre eigenen, ebenso subjektiven Konstruktionen zueinander in Beziehung zu setzen.

Wie fördern wir die Suche eines Patienten nach heilsamer Passung?
Ärzte und alle Behandler sind in diesem Modell nicht die Experten für das Heil des Kranken, sondern haben die Aufgabe, die subjektiven Wirklichkeitsvorstellung eines Patienten und ihre eigenen, ebenso subjektiven Konstruktionen zueinander in Beziehung zu setzen.

Die Arbeit an einer genügend guten gemeinsamen Sicht auf die Lebenswirklichkeiten verstehen wir als grundlegend für die Überwindung des dualistischen Denkens – in dem es Konstrukte von „Körper ohne Seelen“ und „Seelen ohne Körper“ gibt.
Mit dieser Skizzierung sind auch wesentliche Elemente von unserm Verständnis von Integration ausgedrückt. Im üblichen Sprachgebrauch wird unter „integrated“ oder „integrative medicine“ die Kombination von Schulmedizin mit ihrem biomechanischen Modell mit Methoden der sogenannten alternativen Heilkunst bezeichnet.

Zurück zu den Untersuchungssituationen, die uns beschäftigt haben. Sie können mit verschiedenen Theorie-Modellen angesehen werden. In unserem Kontext der AIM ist ein Zugangsweg mit den Modellen „Funktionskreis“ und „Situationskreis“ interessant.

Ausgehend von einer Problemsituation empfängt die „Rezeptorische Sphäre“ Merkmale, die im Kranken und im Untersucher individuell zum Wirkmal gewandelt werden. Die „Effektorische Ebene“ initiiert Handlungen, die auf eine Problemsituation zielen. Zunächst geschieht das auf der zwischengeschalteten Ebene. Diese beinhaltet Reflexionen mit probeweiser Bedeutungsunterstellung und Bedeutungserprobung, die in Blitzesschnelle durchgespielt und mit Lebenserfahrung und Arbeitsmodellen abgeglichen werden und in Konzeptionen von „Begreifen“, „Verstehen“ und „Handeln-Können“ überführt werden.

Für diese Werkstatt steht im Mittelpunkt, dass wir auf die Zeichenprozesse aufmerksam werden, die zwischen den Körpern ausgetauscht werden. Es scheint so zu sein, dass es ein besonderer Austausch ist, wenn Menschen sich berühren, wenn sie Hautkontakt erleben. Bei der körperlichen Untersuchung ist die Berührung des Körpers des Kranken das zentrale Geschehen und der Kernbereich für Bedeutungserteilung und damit der Wirksamkeit. Beim Hautkontakt entstehen Gefühle beiderseits der Hautgrenzen. Das Wort Kontakt stammt von lat. „tangere“, d.h. „berühren“, „ergreifen“, „treffen“. „Tactus“ meint den Tastsinn. In diesem Begriff werden die Ebenen „Fühlen“ und „Begegnung“ zusammengeführt.

Im Begriff Takt-Gefühl finden sich beide Bedeutungsräume: sowohl die Regulierung von Nähe und Distanz und die Feinfühligkeit für sich selbst mit dem Anderen. Sie sind gleichzeitig enthalten.

Grundlegende Beziehungserfahrungen sind immer mit Hautkontakterfahrungen verbunden. Vom Mutterleib und der Geburt angefangen ist die Beziehungsaufnahme über die Haut lebenswichtig.

Wie kommt es zu dieser hohen Bedeutsamkeit? Eine Antwort kann sein: Weil grundlegende Beziehungserfahrungen immer mit Hautkontakterfahrungen verbunden sind. Vom Mutterleib und der Geburt angefangen ist die Beziehungsaufnahme über die Haut lebenswichtig. Hautkontakt ist für das Überleben ein zentrales Geschehen und bildet einen Kristalisationskern für das Körpererleben als Individuum.

Wenn in der Untersuchungssituation Berührung der Haut geschieht, löst das im Kosmos beider Personen eine große Fülle von Beziehungserfahrungen aus. Deren Einfluss auf die Arzt-Patienten-Beziehung ist das Kernthema, um das unser Nachdenken bei dieser Werkstatt kreist. Wenn ich einen anderen berühre, werde ich selbst auch berührt.

Nun werfen wir einen Blick auf die Beispiele, die wir Ihnen anfangs berichtet haben. Die Erzählungen stellten die die Untersuchung initiierenden körperlichen Zeichenprozesse in den Vordergrund und skizzierten die Passungen und die Verpassungen. Die Geschichten handelten von Fettleibigkeit und Furunkeln, von einem postoperativen Abzess am Brustbein, von einem gebrochenen Fuß und einer Beinthrombose, vom Verwachsungsbauch und Angst vor Narbenbruch und von einem lange Zeit überall schmerzenden Körper.

Fünf Begegnungen, in deren Mittelpunkten Kontakt und Beziehung zwischen zwei Menschen und ihren Körpern standen. Beim Berühren der Haut eines anderen geschieht immer etwas Dialogisches und etwas Gleichzeitiges, nämlich das Empfinden und das Empfunden-werden, Wahrgenommen-Sein und Wahrgenommen-werden.

Entwicklungspsychologische Forschung lehrt uns, dass Kontakterleben lebenswichtig ist und zum Beziehungserleben führt und diese beiden bilden die Kristalisationskerne vom Körper-Erleben, Leibgedächtnis und Körperwissen. In diesem Wissen wird Bedeutsames unserer je individuellen Lebenserfahrungen aufbewahrt. Aus diesen Quellen speist sich der Sinn von körperlichem Untersuchen ebenso wie aus den handwerklichen Fähigkeiten, die wir im „Klopfkurs“ erlernt haben.

Weiterführende Literatur:

Küchenhoff J (2012): Körper und Sprache. Psychosozial-Verlag. Gießen.

Schmidt R-B, Schetsche M (2012): Körperkontakt. Psychosozial-Verlag. Gießen.

der blaue reiter, Journal für Philosophie, Ausgabe Nr. 26:
Unser Körper – zwischen Ich und Welt. Verlag für Philosophie.

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