Die verlorene Kunst des Seinlassens

Dr. Werner Geigges, Vorstandssprecher der AIM. © Sven Eisenreich

Zum Vortrag von Giovanni Maio auf dem Internistenkongress 2015

Ein Kommentar von Werner Geigges

Nach G. Maio geht die zunehmende Ökonomisierung der Medizin einher mit dem Primat des „Machens“, dokumentiert in Fall- und OP-Zahlen und mit der Tendenz zur Überversorgung im interventionellen Bereich. Sorgfalt, Ruhe, Weitsicht, Abwarten, Unterlassen, reflektiertes Abwägen, eben die ärztliche Kunst des Seinlassens als wichtiger Aspekt einer umfänglichen Kunst des Heilens wird demgegenüber tendenziell wegrationalisiert, weil schlechter dokumentierbar und vor allem schlecht vergütet.

Die Dynamik des Machens im Medizinbetrieb wird durch folgende Faktoren angetrieben:

  1. Das Machen, Handeln als untauglicher Versuch, Angst und Unsicherheit seitens der Patienten zu bewältigen („Man kann ja etwas dagegen unternehmen“!).
  2. Das Konstrukt von moderner Medizin als Produktionsbetrieb und ärztlichem Handeln als Produktionsprozess („Maschinen-Modell“), verbunden mit Leitlinien, Handlungs-Algorithmen und Dokumentationspflichten und einseitiger Produktionssteigerungslogik im Hinblick auf Eingriffe, Diagnostik und OP-Zahlen.
  3. Das Machen als Defensiv-Strategie bei strengen und einseitigen Qualitätskontrollen und Dokumentationspflichten im Hinblick auf Fallzahlen und Komplikationen (Beispiel: Drastische Zunahme von Kaiserschnitten und Abnahme von natürlichen Geburten).
  4. Machen als Folge eines Erfahrungsverlustes: Im modernen Medizinbetrieb sind erfahrene Ärzte in der Funktionsdiagnostik und für Interventionen fest eingeplant, unerfahrene Stationsärzte tendieren eher zu Überdiagnostik.
  5. Unterbewertung von Anamnese und körperlicher Untersuchung: Unberücksichtigt bleibt der bekannte Befund, dass 80-90 Prozent der Diagnosen-Valididtät sich aus einer gründlichen Anamnese ergeben und über den Informationsgewinn hinaus der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung hierdurch entscheidend gefördet wird.
  6. Das Machen als Folge der rationalisierten Zeit mit der Folge einer starken Beschränkung des direkten Kontakts zu Patienten (verstärkt durch einen massiven Abbau von Pflegestellen ).

Der Verlust einer „Kunst des Seinlassens“ in der ärztlichen Praxis fördert die klar zu beobachtende Tendenz zu einer Überversorgung und letztlich schlechteren Versorgung von Patienten mit immer höheren Preisen.

Gleichzeitig findet sich eine steigende Unterversorgung im Bereich einer ebenso notwendigen Beziehungsmedizin. Damit droht aber auch der Verlust einer ärztlichen Kernkompetenz in Form der Kunst des Verstehens und Sprechens.

Prof. Dr. Giovanni Maio aus Freibrg, hier auf der Tagung "Die Kunst des Hoffens" im Jahr 2014.
Prof. Dr. Giovanni Maio aus Freiburg, hier auf der Tagung „Die Kunst des Hoffens“ im Jahr 2014.

Hier fordert Maio uns Ärztinnen und Ärzte explizit auf, sich gegen diese Entfremdung unserer ärztlichen Tätigkeit zur Wehr zu setzen. Ansonsten machen wir uns indirekt selbst überfüssig, denn das einseitige „Machen“ könnte schon in naher Zukunft in die Hände gut ausgebildeter Medizintechniker gelegt werden.

Ein integriertes Modell von Medizin mit dem Fokus auf individuelle Passungsarbeit zwischen Arzt und Patient kann hier vermitteln zwischen der „Kunst des Machens““ und der „Kunst des Verstehens und Sprechens“,zwischen pragmatischen und kommunikativen Wirklichkeitskonstruktionen in der Medizin. In diesem Modell kann auch die „verlorene Kunst des Seinlassens“ wieder ihren Platz finden. Medizinische Fakten können vor dem Hintergrund der aktuellen und individuellen Krankheitsgeschichte, biographischen Erfahrungen sowie sozialen Kontextbedingungen gemeinsam mit dem Patienten reflektiert werden mit dem Ziel einer ganzheitlichen Diagnostik und Therapie.

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