Ein Wahnsinnserbe

Zur Buchempfehlung von Jürgen Harms

Eine Ergänzung

Es schien mir nicht ganz unproblematisch, Bücher zu empfehlen, die sich inhaltlich auf Martin Heidegger beziehen. Früher oder später stellt sich nämlich auch eine politische Frage, zu der man Stellung beziehen muss. Zu den beiden Buchempfehlungen von Jürgen Harms gab es im Vorfeld zwischen Herrn Harms und mir eine Mail-Korrespondenz, die ich auf ausdrückliche Vereinbarung zwischen uns beiden mit veröffentliche, damit die Rezension von Harald Kamps und die Bücher besser eingeordnet werden können. Ich danke Herrn Harms an dieser Stelle für seinen offenen Diskurs und die erläuternden Worte (unsere Korrespondenz ist kursiv).


Lieber Herr Harms,

(…) dies wäre eine persönliche Frage, die auf den Inhalt der Bücher abzielt: Harald Kamps beginnt seine Rezension mit der durchaus angebrachten Frage, ob man Heidegger noch lesen kann (bzw. darf). Diese Frage stellt sich mir natürlich auch. Wieweit kann man sich inhatlich mit Heidegger auseinandersetzen, ohne auch politisch Stellung zu beziehen? Kamps schreibt über Sie, dass Heidegger ein inspirierender Begleiter gewesen sei. Wie gehen Sie persönlich mit Heideggers politscher Gesinnung um? Die ZEIT schrieb einmal über die Veröffentlichung der Schwarzen Hefte: „Die Hefte sind ein philosophischer Wahnsinn und in einigen Abschnitten ein Gedankenverbrechen. Es gibt nun keine Beruhigung mehr.“ Verzeihen Sie die offenen Fragen, wir kennen uns ja persönlich gar nicht. Aber mich haben diese Fragen beim Lesen der Rezension sehr beschäftigt.

Viele Grüße, Sven Eisenreich


Lieber Herr Eisenreich,

Ihre offene, persönliche Frage ist mir willkommen. Es ist eine wichtige und sehr verständliche Frage. (…)begriff ich, wie problematisch es in Deutschland ist, sich irgendwie auf Heidegger zu beziehen. Deshalb bin ich in der Einleitung meines zweiten Buches auf diese wichtige Frage eingegangen, wie folgt:

(ZITAT ANFANG)
„Der Philosoph, dessen Sicht mir auf meinem Weg am meisten weitergeholfen hat, ist Martin Heidegger. Er hat die Phänomenologie Husserls zu einer phänomenologischen Ontologie, zu einer Lehre des Seins und vor allem des Menschseins, weiterentwickelt. Er wird weltweit als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts angesehen. Ich war mir von Anfang an dessen bewusst, dass er ein Parteimitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und als solches eine kurze Zeit lang der Rektor der Freiburger Universität war. Später erfuhr ich, wie schändlich er sich gegenüber seiner jüdischen Geliebten, Hannah Arendt, und seinem jüdischen Lehrer, Edmund Husserl, benommen hatte. Ich bin traurig darüber, dass ein Philosoph, der so ursprünglich und radikal denken konnte und in der weiteren Entwicklung der Philosophie so einflussreich war, in seinen eigenen mitmenschlichen Beziehungen moralisch so sehr versagte. Es ist für mich kein Trost, dass es auch andere große Geister gibt, Maler, Komponisten, Dichter, die in ihren menschlichen Verhältnissen großen Schaden anrichteten. Doch brauchen wir uns deshalb nicht vollkommen dem Reichtum ihres Schaffens zu verschließen; wir können ihre guten Errungenschaften doch zum Guten gebrauchen. So kann Heideggers Menschenverständnis dazu angewendet werden, Menschen wirklich als Menschen zu behandeln. Schließlich haben nicht nur große Geister große Schattenseiten, sondern viele von uns anderen, gewöhnlichen Menschen ebenfalls.

Kürzlich fiel mir ein ungewöhnliches Buch mit dem Titel „The German Genius. Europe’s Third Renaissance, The Second Scientific Revolution and the Twentieth Century“ in die Hände. Es ist 2010 erschienen, hat 849 Seiten Text und stützt sich auf ein reiches Quellenmaterial. Der Autor Peter Watson ist Journalist und Schriftsteller und hat bereits mehrere Bücher über Kultur- und Geistesgeschichte veröffentlicht. Sein Anliegen in diesem Werk ist es, die deutsche Geistesgeschichte der vergangenen 250 Jahre zu würdigen. Er schätzt ihren Beitrag zur universalen Geistesgeschichte hoch ein. Er kritisiert, dass der Geschichts- unterricht in den angelsächsischen Schulen sich fast nur auf die 12 Jahre von 1933 bis 1945 beschränkt und dass selbst in Deutschland die Leistungen deutscher Forscher, Philosophen und Künstler vor und nach der Nazidiktatur von dieser unheilvollen Periode überschattet bleiben. Er nennt andere, zum Beispiel die deutschen Botschafter in England, Gebhardt von Moltke und Thomas Matussek, die sich ebenfalls kritisch über diese Einengung des historischen Horizontes in angelsächsischen Schulen geäußert haben. Der Bruder des Letzteren, Matthias Matussek, Londoner Korrespondent für den Spiegel, ließ sich sogar recht sarkastisch darüber aus.

Bedeutsam für mich ist es, dass Watson gerade Heideggers Beitrag zur Geistesgeschichte besonders hervorhebt, wobei er ausführlich auf Heideggers Verbindung mit dem Nationalsozialismus eingeht. Er nennt Heidegger den gewiss umstrittensten, aber möglicherweise auch einflussreichsten Philosophen des 20 . Jahrhunderts. Obwohl Jean-Paul Sartre in den Jahren von 1940 bis 1950 berühmter gewesen wäre, sei Heidegger doch der tiefgründigere Existenzialist von beiden gewesen. Heidegger habe 1953 nach seinem Vortrag „Die Frage nach der Technik“ im gerammelt vollen Saal eine stehende Ovation bekommen. Im Schlusskapitel hebt Watson noch einmal Heideggers weit vorausschauende Erkenntnis der Gefahr des rechnenden, technischen Zeitgeistes hervor. Jürgen Habermas habe in der Folge in seinem Buch „Die Zukunft der menschlichen Natur“ diese Einsichten Heideggers weiter ausgeführt. Besonders die vorgeburtliche, genetische Manipulation würde die Menschen in ihrer Identität bedrohen: Sie würden sich dadurch als technische Produkte und nicht mehr als Wesen mit der Würde eines eigenen Schicksals verstehen müssen. Habermas behauptet, dass die Rettung nicht in neuer Technologie liege, sondern in der Philosophie und der Ethik gesucht werden müsse. Hier folgt Watsons abschließende Passage über Heidegger:

»Heidegger was caught up in what he saw as the redeeming energies of National Socialism and about that he was wrong, very wrong. And yet, despite the undoubted advantages that science and capitalism have wrought, they now seem incapable of rectifying the ravages they have also brought about. Hannah Arendt counseled us to be adult, and part of her own achieved adulthood was that she forgave Heidegger and in that sense redeemed him. Can we not do the same and learn from him (and her), despite what went before?«

In meiner Übersetzung:

»Heidegger verfing sich in den – nach seiner Ansicht – wiedergutmachenden Kräften der nationalsozialistischen Bewegung, und darin irrte er sehr. Wissenschaft und Kapitalismus scheinen allerdings trotz der zweifellosen Fortschritte, die sie zustande gebracht haben, unfähig zu sein, die von ihnen verursachten Verheerungen wiedergutzumachen. Hannah Arendt empfahl uns, eine reife, erwachsene Haltung anzunehmen. Ihre eigene erworbene Reife erlaubte ihr, Heidegger zu verzeihen und ihn in diesem Sinn zu erlösen. Können wir nicht dasselbe tun und von ihm lernen (und von ihr) – trotz seiner Vergangenheit?«

Was wir bei ihm lernen können, ist ein lebensnahes Verständnis des Menschen und der Welt, das auf ursprünglichen Erfahrungen und auf gründlichem Nachdenken beruht. Es umfasst auch das eingeengte naturwissenschaftliche Weltbild und macht seine Entstehung verständlich. Es ermöglicht uns, den Menschen als Menschen, das heißt, als ganzen Menschen in seiner Welt zu behandeln.“
(ZITAT ENDE)

Hier möchte ich nur noch hinzufügen, dass ein anderer Ausländer, mein holländischer Doktorvater, Jan Hendrik van den Berg, der unter der Deutschen Besatzung Hollands während des Zweiten Weltkrieges gelitten hatte, mir 1971 dennoch aufgab, „Sein und Zeit“ von Heidegger als für mein Literaturstudium notwendige Lektüre zu lesen (Das Thema meiner M.D.-Dissertation war, ins Deutsche übersetzt: „Das Menschenbild im medizinischen Unterricht“) . Van den Berg war Psychiater und Phänomenologe und war der Urheber der „Metabletica“, der von ihm so genannten Lehre der historischen Wandlungen der Wirklichkeit des europäischen Menschen. Er wurde durch seine vielen metabletischen Werke weltbekannt.

Übrigens: Die knapp formulierte Wendung „Für den Psychiater Harms war Heidegger ein inspirierender Begleiter…“ ist ausführlicher ausgedrückt, eigentlich so zu verstehen: „Heideggers vor seinem Tod veröffentlichte Philosophie ist eine der wichtigsten Grundlagen seiner medizinischen Philosophie“. (Die andere wichtige Grundlage ist die Allgemeine Systemtheorie, bzw. Komplexitätstheorie.)

Ihre offene Frage ist mir auch deshalb so wichtig, weil ich einsehe, wie wichtig es ist, sie mit der Ankündigung meiner Bücher auf der Website der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) zu beantworten, weil bestimmt bei vielen Lesern dieselbe Frage aufkommen wird. Ich möchte Sie deshalb bitten, den obigen Teil aus meiner Einleitung zum zweiten Buch auch auf die Website zu setzen. Vielleicht könnten Sie dort Ihre Frage zuerst stellen, ehe das Zitat aus der Einleitung folgt, sodass die Leser fühlen, dass Ihre Zweifel durchaus verständlich sind, und damit der Anlass für das Zitat deutlich wird.

Mit herzlichen Grüßen, Jürgen Harms

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Sven Eisenreich
Dr. med. Sven Eisenreich
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie