Fantasie und Intuition

Der Begriff Fantasie kommt von dem griechischen Wort phainestai („in Erscheinung treten“ oder „erscheinen lassen“).

Nach dem Zusammenbruch der Illusion, dass unsere Wahrnehmung die Realität nur mehr oder weniger genau abbildet, sind wir auf eine Analyse der Funktionen angewiesen, die wir „Wahrnehmen“ nennen. Wenn Wahrnehmen nicht die Aufgabe hat, Gegenstände unserer Umgebung abzubilden, sondern diese Gegenstände in „Erscheinung treten“ zu lassen, erweist sich Wahrnehmen im genauen Sinn des Wortes als – Fantasie! Ihre biologische Aufgabe zeigt sich in ihrer Verbindung mit dem motorischen Verhalten: Sie entwickelt sensomotorische Schemata, welche die „Objekte“ für unsere Motorik in unseren Umwelten erscheinen lassen.

Das Problem ist daher nicht, wie Fantasie von Wahrnehmung zu unterscheiden ist, sondern wie sich Fantasie im Verlauf der biologischen Evolution entwickelt hat.

Das Problem ist daher nicht, wie Fantasie von Wahrnehmung zu unterscheiden ist, sondern wie sich Fantasie im Verlauf der biologischen Evolution entwickelt und wodurch sie sich beim Menschen von den biologischen Bedürfnissen des animalischen Lebens löst und wann (und wie) die Unterscheidung zwischen Fantasie und Wahrnehmung entsteht (Th. v. Uexküll et al. 1998). Diese Frage hat Piaget beantwortet: Er hat gezeigt, dass in der biologischen Entwicklung von Kindern im Alter von etwa zwei Jahren die Vorstellung und mit ihr die Fähigkeit entsteht, abwesende Gegenstände gegenwärtig zu halten bzw. sie wieder zu konstruieren. Damit entsteht „Objektkonstanz“ und mit ihr eine Kontrollinstanz für Fantasie.

Der Begriff „Intuition“ thematisiert das Problem ebenfalls: „In der epikureischen Philosophie bezeichnete Intuition das ’schlagartige Erfassen des ganzen Erkenntnisgegenstands im Unterschied zu nur partiellen Erkenntnissen‘. Der Gegenbegriff des ‚diskursiven Denkens‘ gab dem Begriff schon in der Spätantike eine neue, konkretere Definition“ (Ritter et al. 1976).

Für C. Ginzburg hat der Begriff „Intuition“ zwei Bedeutungen: Er unterscheidet die „mystische Intuition“ und eine „Intuition, die Scharfsinn und Klugheit“ bezeichnet. „In dieser zweiten Bedeutung ist sie für ihn nichts anderes als ein Instrument des Indizienwissens“. Er unterscheidet zwei Formen von Wissenschaft: die Indizienwissenschaften und die „Galilei’schen“ Wissenschaften (Ginzburg 1983):

„Diese ’niedere Intuition‘ wurzelt in den Sinnen (auch wenn sie über diese hinausgeht), und insofern hat sie nichts mit der übersinnlichen Intuition der verschiedenen Irrationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts zu tun. Sie ist – ohne geografische, historische, ethnische, geschlechts- oder klassenspezifische Grenzen – in der ganzen Welt verbreitet und daher jeder Form höheren Wissens, dem Privileg weniger Erwählter, ganz fern. Sie ist Besitz der Bengalen, … sie ist Besitz der Jäger, der Seeleute, der Frauen. Und sie bindet das Tier Mensch an andere Tierarten.“

Zusammengefasst können wir davon ausgehen, dass

  • Fantasie die Umgebung lebender Organismen (vom Einzeller bis zum Menschen) für deren Bedürfnisse und Verhalten „in Form bringt“. Nach J. v. Uexküll (1973) erschafft sie aus dem Unerkennbaren für Pflanzen „Wohnhüllen“ und für Tiere „Umwelten“. „Umgebung“ ist damit eine Konstruktion unserer Vorstellung.
  • Fantasie „realisiert“ sich in sensomotorischen Kreisprozessen mit Rückkoppelungsvorgängen.
  • Biologische Fantasie bleibt an biologische Bedürfnisse (Triebe, Instinkte) gebunden. Sie erzeugt die Umwelt, in der Objekte der Trieb- oder Bedürfnis-Bedeutungen „erscheinen“ und in der es Wege für bedürfnisbefriedigendes Verhalten gibt. Sie entspricht der Rezeptivität lebender Systeme und verwandelt Veränderungen (Perturbationen nach Maturana) ihrer rezeptorischer Organe (z.B. durch Einwirkungen von außen) in Zeichen, die Aufgaben für die effektorischen Organe bezeichnen, z.B. im Regelkreis den Ist-Wert dem Soll-Wert nachzuführen. Sie entspricht beim Menschen teilweise dem kognitiven Unbewussten (Piaget 1973).
  • Sie wird beim Menschen durch die Entwicklung des Vorstellungsvermögens von den biologischen Bedürfnissen abgekoppelt. Daher tritt das Problem Fantasie und „Realität“ erst hier auf1.

1 Empirische Bestätigungen der Konzeption, dass Wahrnehmung die Fähigkeit ist „fantastische Welten“ zur Orientierung unseres Verhaltens „erscheinen zu lassen“, findet man z.B. bei Durchgangssyndromen.

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