Flüchtlingskrise

Dr. Gisela Volck ist Allgemeinärztin aus Frankfurt a. M. © Sven Eisenreich

Eine gesellschaftliche Passungsstörung?

Verlust der gemeinsamen Wirklichkeit?

Zur Lebenssituation von Geflüchteten schrieb Hannah Arendt 1943 in ihrem Essay „We refugees“ („Wir Flüchtlinge“) auf Grundlage ihrer eigenen Fluchterfahrung in der Zeitschrift Menorah Journal:Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Wir haben unsere Verwandten in polnischen Ghettos zurückgelassen und unsere besten Freunde sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.
(Deutsche Übersetzung 1986, „Wir Flüchtlinge“, Zur Zeit. Politische Essays (Hrsg. v. Marie Luise Knott), Berlin: Rotbuch 7-21).

Das gesellschaftliche Thema „Die Flüchtlinge“ zeigte in Frankfurt in verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen 2016 neue Perspektiven auf.

Behandlungsnetzwerk für Flüchtlinge am 09.02.2016
(Fatra: Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil)

Auf Therapeutenseite zeichnet sich eine hohe Bereitschaft der Unterstützung des Arbeitskreises für Trauma und Exil ab. Man ist zur Übernahme von Psychotherapien mit  traumatisierten Flüchtlingen bereit. Als schwierig im Psychotherapie-Kontext wird die lange Unsicherheit der angekommenen Flüchtlinge während des aufenthaltsrechtlichen Verfahrens angesehen. Schwerst traumatisierte, psychisch kranke Asylbewerber suchen und brauchen vorrangig Sicherheit, die ihnen durch das lange, für sie undurchsichtige Asylverfahren, nicht gewährt wird. Sie bleiben über Monate bis Jahre in einem Schwebezustand, ein Problem, das  auf der politischen Ebene gelöst werden muss.

Welchen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang Psychotherapie? Die Diskussion bewegt sich zwischen Krisenintervention, Zeugenschaft, narrativer Bewältigung und moralischem Feigenblatt.

In der Abschlussdiskussion geht es um die Psychotherapie zu dritt, da ohne Sprachvermittler nichts geht. Wie auch immer, wir müssen unseren Horizont erweitern.

Flucht und Asyl am 15.02. 2016
(Deutsche Gesellschaft für Sozialpsychiatrie)

Millionen von Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Religionen sind aufgrund von Krieg, Verfolgung und existenziellen Notlagen in ihren Heimatländern auf der Flucht. Nur ein kleiner Teil von ihnen schafft es nach Europa….Auf dem Weg hierher waren sie lebensbedrohenden Gefahren ausgesetzt, haben Grenzen überwinden und dabei oftmals traumatische Situationen erleiden müssen. Ihnen allen ist Hilfe und Unterstützung zu gewähren! Asyl ist Menschenrecht!
(Aus dem Flyer „Flucht und Asyl“, DGSP)

Mit seelischen Verletzungen und psychische Erkrankungen werden wir uns auseinandersetzen müssen. Die DGSP bietet eine Plattform für Austausch von Wissen und Erfahrungen und für Kontakte.

Migration, Flucht und Trauma – Die Folgen für die nächste Generation am 04.-06.03.2016
(IDEA (Individual development and Adaptive Education), Goethe-Universität Frankfurt, Stockholm University, Sigmund-Freud-Institut)

Es werden Präventionsprojekte auf der Basis der Ergebnisse empirischer Bindungsforschung und des erlangten Wissens durch die Arbeit mit Traumatisierten vorgestellt. Traumatisierung, gestörte Stressregulation haben besondere Auswirkung auf die frühe Elternschaft und prägen so die nächste Generation. Eindrucksvoll ist das multikulturelle Bild der Vortragenden, von Los Angeles, über Oslo, Stockholm bis Belgrad. In dem  Abschlussvortrag fordert Basam Tibi, deutscher Politikwissenschaftler, Adornoschüler, in Syrien geboren und aufgewachsen, bei aller Liebe zu den Fremden den Kampf gegen Gewalt, Geschlechterungleichheit und Antisemitismus ein.

Die Stimmung des Augenblicks: Angst, Hass, Hoffnung am 12.03.2016
(Heinz Bude, Förderverein Fritz Bauer Institut)

Heinz Bude, Professor der Makrosoziologie in Kassel, gilt als Stichwortgeber öffentlicher Debatten. Sein Thema ist die Verbitterung in der Gesellschaft, getragen von dem Gesellschaftszustand der Angst vor Verlust des Erreichten, vor Degradierung und kollektiven Misstrauen. Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln führten zu einem Durchbruch der Angst vor dem Fremden, führten zu einer öffentlichen Korrektur des Flüchtlingsbildes, zu einem Verlust des Inklusionsoptimismus, zu einem Hervorheben des Faktors Religion. Eine Stimmung der Gereiztheit nahm in der Gesellschaft Platz, eine Polarisierung fand statt, Hass als eine Form der Selbstwertsteigerung kann zunehmend beobachtet werden.

Die Veranstaltungen zeigen: Wir ringen um neue gemeinsame Wirklichkeiten!

Die Veranstaltungen zeigen: Wir ringen um neue gemeinsame Wirklichkeiten! So lese ich bei Gila Lustiger, einer in Paris lebenden Schriftstellerin,  in ihrem neuen Essay „Erschütterung“: „‚Ein Haifisch und ein Elefant können sich nicht begegnen und keinen Krieg führen. Aber schon, was im selben Wasser lebt, hat – ob es will oder nicht – eine Einheit, in der Krieg oder Verstehen möglich ist‘, erklärt Ernst Bloch  in Abschied von der Utopie. Lebten der IS und wir nun im selben Gewässer? Und wer hat das beschlossen , der IS oder Frankreich? Ja, musste Präsident Hollande unbedingt das gleiche Vokabular benutzen wie diese Terroristen, die doch nichts anderes wollten, als ein Bürgerkrieg in Europa heraufbeschwören?
Gila Lustiger: „Erschütterung. Über den Terror“. Berlin Verlag,  Berlin 2016

Passungsstörungen und die Mühe um gemeinsame Wirklichkeitskonstruktionen werden weiter unser Leben begleiten.

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