Grundlegende Paradigmawechsel

In den letzten Jahren haben sich – auch von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit meist unbemerkt – einige grundlegende Paradigmawechsel vollzogen, die damit zusammenhängen, dass die Physik als Leitwissenschaft der Naturwissenschaften allmählich abgelöst wird durch Biologie und Medizin“ (Cramer 1996).

Entschuldigen Sie bitte, wissen Sie zufällig, wo ich hier mein Paradigma wwechseln kann?
Entschuldigen Sie bitte, wissen Sie zufällig, wo ich hier mein Paradigma wwechseln kann?

Bisher galt die Vorstellung, die Physik habe die Aufgabe, „die objektive Realität zu enthüllen“, und habe diese Aufgabe zu einem beträchtlichen Teil bereits gelöst. Die Physik war als Wissenschaft daher die Instanz, die über den Wahrheits- oder Realitätsgehalt wissenschaftlicher Definitionen entschied. Man erwartete von der Physik die Lösung aller Welträtsel. Viele Wissenschaftler erwarten dies auch noch heute.

Revolutionäre Ereignisse in drei Wissenschaften haben aber unsere Vorstellungen über die Möglichkeiten des Erkennens einer „objektiven, d.h. vor und unabhängig von unserer Wahrnehmung existierenden Realität“ erschüttert. Die philosophische Einsichten Vicos1 (1942) und Kants2 in die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens haben sich zu empirischer Gewissheit verdichtet:

  • In der Biologie hatte Jacob von Uexküll (1913) die These aufgestellt und in seinen Untersuchungen erhärtet, dass Lebewesen in ihren artspezifischen Umwelten leben3. Lebewesen sind beobachtende Systeme (Foerster 1982), die ihre Umgebung für ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten „in Form bringen“. Einheiten des Überlebens bestehen aus Organismus plus Umwelt (Bateson 1985).
  • Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte die Quantenphysik statt des Zugangs zur objektiven Realität das Beobachterproblem, d.h. die Tatsache, dass jeder Beobachter seinen Gegenstand in eine Form bringt, die seiner Fragestellung und seinen Möglichkeiten der Beantwortung entspricht (Bohr 1931)4.
  • In der Psychologie stellte J.Piaget (1981), S. 30: „Nach landläufiger Auffassung ist die Außenwelt vom Subjekt völlig getrennt, obwohl sie den Körper des Subjektes miteinschließt. Danach scheint objektive Erkenntnis einfach das Ergebnis einer Gesamtheit von Registrierungsakten … Die einzige Aufgabe der Intelligenz bestehe darin, die verschiedenen Informationsmengen systematisch einzuordnen …; je wirklichkeitsgetreuer die entscheidenden Abbilder in diesem Prozess seien, desto widerspruchsfreier werde das resultierende System sein … Tatsächlich aber stehen alle Entwicklungsstufen, vor allem die sensomotorischen und vorsprachlichen Stufen der kognitiven Adaptation und der Intelligenz, im Widerspruch zu diesem passiven Verständnis des Erkenntnisaktes.“5 (1981) fest, dass die Abbildungstheorie, nach der Beobachtung die Aufgabe haben soll, möglichst genaue Abbildungen der Umgebung herzustellen, allen Entwicklungsstufen der Intelligenz widerspricht. Wahrnehmung ist ein aktiver und kreativer Prozess, der die Umgebung des Wahrnehmenden für dessen Bedürfnisse und Verhaltensmöglichkeiten „in Form bringt“.

Damit ist das Weltbild, an das wir mehr als 2000 Jahre geglaubt haben, zu einem Vexierbild geworden: Die „harten naturwissenschaftlichen Fakten“ und die „ehernen Naturgesetze“, über denen die subjektiven „Erscheinungen“ als unwirklicher Nebel von „Epiphänomen“ schweben, erweisen sich als Konstruktionen, die Physiker für ihre begrenzten Zielsetzungen aufgebaut hatten. Unser Erleben, Fühlen und Wahrnehmen werden die Basis für unsere Konstruktionen6.


Wir müssen mit der Gewissheit leben, eine „Realität“ jenseits unserer Wahrnehmung nicht erkennen zu können. Die Wirklichkeit, in der wir leben und Wissenschaft treiben, ist ein Land, das aus den Inseln aufgebaut ist, welche die Wahrnehmung und das Erkennen der Einzelnen in einem dunklen Meer des Unerkennbaren in Übereinkunft zusammengefügt haben. Jede Insel versinkt mit ihren Bewohnern und der Kontinent zerfällt, wenn die Kommunikation über deren Gemeinsamkeit erlahmt.


 1 „Vico (1668–1744) stellt den Grundsatz auf, dass wir nur erkennen können, was wir selbst schaffen: Dies gilt für die Geschichte, deren Gegenstand die menschlichen Taten sind, für die Geometrie, deren Grundsätze wir selbst aufstellen: ‚Das Geometrische beweisen wir, weil wir es hervorbringen; wenn wir das Physikalische beweisen könnten, würden wir es hervorbringen‘ “ (S. 20).

2 „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; (…) Man versuche es daher einmal, ob wir nicht (…) damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten“ (Kant 1787).

3 J. v. Uexküll (1973): „Es ist ohne weiteres klar, dass, wenn es eine von der menschlichen Welt unterschiedene Hundewelt gibt, es ebenso eine Pferdewelt, eine Affenwelt usw. geben muss. Ja, bis herab zu den niedersten Tieren reiht sich Welt an Welt in tausendfach schillernder, wechselvoller Reihe.“

4 Nils Bohr (1931): „In der Physik, wo es sich darum handelt, die Erfahrungen der äußeren Welt zu ordnen, werden wir uns natürlich mit der Frage nach dem Wesen unserer Anschauungsformen weniger oft beschäftigen müssen als in der Psychologie, wo unsere eigene Gedankentätigkeit selbst Gegenstand der Untersuchung ist. Doch ist bisweilen gerade die ‚Objektivität‘ der physikalischen Beobachtungen besonders dazu geeignet, den ’subjektiven‘ Charakter aller Erfahrungen scharf zu beleuchten.“Nils Bohr führt aus, dass die Physik noch Ende des 19. Jahrhunderts durch die „Klarlegung der Gesetzlichkeit der Mechanik“ die Überzeugung einer objektiven Gültigkeit physikalischer Beobachtungen gefestigt hatte: „Die große Erweiterung unseres Erfahrungsgebietes (i.e. Quantenphysik) hat jedoch die Unzulänglichkeit unserer einfachen mechanischen Vorstellungen klar zu Tage gebracht und hierdurch die Grundlage unserer gewöhnlichen Deutung der Beobachtung erschüttert, wobei alte philosophische Probleme in ein neues Licht gerückt sind … Eben diese Belehrung, die wir der Entdeckung des Wirkungsquantums verdanken, öffnet … neue Ausblicke, die besonders bei der Diskussion der Stellung der lebenden Organismen in unserem Weltbild entscheidend sein dürften.“

5 J.Piaget (1981), S. 30: „Nach landläufiger Auffassung ist die Außenwelt vom Subjekt völlig getrennt, obwohl sie den Körper des Subjektes miteinschließt. Danach scheint objektive Erkenntnis einfach das Ergebnis einer Gesamtheit von Registrierungsakten … Die einzige Aufgabe der Intelligenz bestehe darin, die verschiedenen Informationsmengen systematisch einzuordnen …; je wirklichkeitsgetreuer die entscheidenden Abbilder in diesem Prozess seien, desto widerspruchsfreier werde das resultierende System sein … Tatsächlich aber stehen alle Entwicklungsstufen, vor allem die sensomotorischen und vorsprachlichen Stufen der kognitiven Adaptation und der Intelligenz, im Widerspruch zu diesem passiven Verständnis des Erkenntnisaktes.“

6 J. v. Uexküll (1973), S. 40: „… Da die Tätigkeit unseres Gemüts das einzige uns unmittelbar bekannte Stück der Natur ist, sind seine Gesetze die einzigen, die mit Recht den Namen Naturgesetze führen dürfen.“

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