Indizienwissenschaften

Fußspuren als Indiz für Gewesenes. © Sven Eisenreich

Ginzburg (1983) unterscheidet zwei Formen von Wissenschaft, die er die „Galilei’schen Wissenschaften“ und die „Indizienwissenschaften“ nennt. Die Bedeutung der Unterscheidung dieser zwei Formen von Wissenschaft ergibt sich aus der Einsicht, dass Wirklichkeit nicht vorliegt, sondern konstruiert werden muss. Als Konstruktionen sind Wirklichkeiten geschlossene Systeme, zwischen denen Indizien Kommunikation herstellen. Die Anfänge von Wissenschaft in der Menschheitsgeschichte findet er in den Jägerkulturen:

„Jahrtausendelang war der Mensch Jäger. Im Verlauf zahlreicher Verfolgungsjagden lernte er, aus Spuren im Schlamm, zerbrochenen Zweigen, Kotstücken, Haarbüscheln, verfangenen Federn und zurückgebliebenen Gerüchen Art, Größe und Fährte von Beutetieren zu rekonstruieren. Er lernte es, spinnwebfeine Spuren zu erahnen, wahrzunehmen, zu interpretieren und zu klassifizieren. Er lernte es, blitzschnell komplexe geistige Operationen auszuführen im Dickicht des Waldes wie auf gefährlichen Lichtungen.
Über Generationen hinweg bereicherten die Jäger dieses Erkenntnisvermögen und überlieferten es.“

Als Konstruktionen sind Wirklichkeiten geschlossene Systeme, zwischen denen Indizien Kommunikation herstellen.

Zur Illustration der Fähigkeiten, die dieses Wissen verleiht, bringt Ginzburg das Märchen der drei Brüder (in anderer Version der drei Prinzen aus Serendip), die einen Mann treffen, der sein Pferd verloren hat. Die Brüder beschreiben es ihm: „Es ist auf einem Auge blind, trägt zwei Schläuche auf dem Rücken, einer mit Wein, der andere mit Öl gefüllt.“ Da sie auf die Frage des Mannes nach dem Verbleib des Pferdes behaupten, es nie gesehen zu haben, werden sie des Diebstahls beschuldigt. In der Gerichtsverhandlung demonstrieren sie mühelos, wie sie mit Hilfe kleinster Indizien das Aussehen eines Tieres, das sie nie gesehen haben, rekonstruieren konnten.

„Charakteristisch für dieses Wissen ist die Fähigkeit, in scheinbar nebensächlichen empirischen Daten eine komplexe Realität aufzuspüren, die nicht direkt erfahrbar ist. … Der Beobachter organisiert die Daten so, dass Anlass für eine erzählende Sequenz entsteht, deren einfachste Formulierung sein könnte: ‚Jemand ist dort vorbeigekommen.‘ … Wenn man den Bereich der Mythen und Hypothesen verlässt und sich der dokumentierten Geschichte zuwendet, fällt die unleugbare Analogie zwischen dem … Paradigma des Jägers und dem auf, was in den seit dem 3. Jahrtausend v.Chr. verfassten Texten mesopotamischer Wahrsager enthalten ist. Beide gehen von der minutiösen Erkundung einer … ’sehr niederen‘ Realität aus, um die Spuren von Ereignissen, die für den Beobachter nicht direkt erreichbar sind, zu entdecken. Kot, Fußspuren, Haare und Federn einerseits, Tierinnereien, Öltropfen im Wasser, Gestirne, unwillkürliche Körperbewegungen usw. andrerseits.“

So verband im klassischen Mesopotamien die Analyse von Einzelfällen, die sich nur durch Spuren, Symptome und Indizien rekonstruieren ließen, Pseudowissenschaften (wie Wahrsagekunst) und Wissenschaften (wie Medizin).

„Aber hinter diesem Indizien- und Wahrsageparadigma erahnt man den vielleicht ältesten Gestus in der Geschichte des menschlichen Intellekts: den des Jägers, der im Schlamm hockend die Spuren der Beute untersucht.“

Der Übergang von der mesopotamischen zur griechischen Kultur änderte die Situation durch das Entstehen neuer Wissenschaften wie Geschichtsschreibung und Philologie und dadurch, dass die Medizin eine „neue erkenntnistheoretische und soziale Autonomie“ erwarb.

„Nicht so offensichtlich ist jedoch, dass in dieser Wende vor allem ein Paradigma, das man als semiotisches oder Indizienparadigma bezeichnen könnte, eine so wichtige Rolle spielte. Besonders evident ist das in der hippokratischen Medizin, die ihre Methoden definierte, indem sie den entscheidenden Begriff des Symptoms (semeion) durchdachte[1].“

Schon im 5. Jahrhundert vor Christus entstand die Polemik über die Unsicherheit medizinischen Wissens, die bis in unsere Tage andauern sollte.

„Es liegt auf der Hand, dass es in dem Moment zu dem dabei entscheidenden Einschnitt kam, als ein (neues) wissenschaftliches Paradigma auftauchte, das sich auf die Physik Galileis stützte und dauerhafter als diese selbst war. …
Nun fällt (aber) die Gruppe der Wissenschaften, die wir – die Medizin eingeschlossen – Indizienwissenschaften nennen, keineswegs unter die Kriterien von Wissenschaftlichkeit, die das galilei’sche Paradigma enthält. Es sind vielmehr in hohem Grade qualitative Wissenschaften, die das Individuelle an Fällen, Situationen und Dokumenten zum Gegenstand habe, und die gerade deshalb zu Ergebnissen kommen, die einen Rest von Unsicherheit nie ganz vermeiden können. … Tatsächlich implizieren der Gebrauch von Mathematik und der experimentellen Methode die Quantifizierung bzw. Wiederholbarkeit der Dinge – während eine individuelle Wissenschaftsrichtung die Wiederholbarkeit per definitionem ausschloss und die Quantifizierung nur als Hilfsfunktion zuließ …
Das eigentliche Hindernis bei der Anwendung des galilei’schen Paradigmas ist die mehr oder weniger zentrale Stellung des individuellen Elements in den einzelnen Wissenschaften. Je mehr die individuellen Aspekte mit einbezogen werden, desto mehr schwand die Möglichkeit einer streng wissenschaftlichen Erkenntnis. …
An diesem Punkt eröffnen sich nun zwei Möglichkeiten: Entweder man opfert die Erkenntnis des individuellen Elements zugunsten einer (mehr oder weniger streng mathematisch formulierbaren) Verallgemeinerung oder man versucht – sich langsam vortastend – ein anderes Paradigma zu erarbeiten, das sich auf die wissenschaftliche Erkenntnis des Individuellen stützt (wobei es sich um eine Wissenschaftlichkeit handelt, die völlig neu zu definieren wäre). Den ersten Weg schlugen die Naturwissenschaften ein und, erst sehr viel später, die so genannten Humanwissenschaften. Der Grund dafür ist offensichtlich. Die Tendenz, die individuellen Aspekte abzuwerten, ist direkt proportional zu der emotionalen Distanz des Beobachters.“

Ginzburg schildert, wie die Tendenz zu der galilei’schen Wissenschaftlichkeit im 19. Jahrhundert das Individuum aus den Wissenschaften vertrieb und wie es durch die Entwicklung des Kapitalismus mit dem Interesse am Schutz des Privateigentums durch die Hintertür der Verbrechensbekämpfung wieder hereinkam. 1823 hatte Purkinje[2], der Begründer der Histologie, eine wissenschaftliche Analyse der Fingerabdrücke vorgelegt. Er hoffte damit eine individuelle Medizin zu begründen, weil er überzeugt war, dass sich Diagnostik und Therapie auf eine Physiologie des Individuums stützen müssten.

Jetzt bemächtigte sich die Kriminologie, nachdem sie vergeblich versucht hatte, die Identität von Straftätern durch anthropometrische Methoden oder Verbrecheralben zu dokumentieren, der Entdeckung Purkinjes. Ginzburg lässt offen, wie weit das erwachende Interessse der Humanwissenschaften am Individuum gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dieser sozialen Entwicklung zusammenhing.

Er beschreibt jedoch eindrucksvoll, wie damals das bis dahin nie ausdrücklich thematisierte Modell oder Indizien-Paradigma durch drei Ärzte (Morelli, Conan Doyle und S. Freud) in die Kunstwissenschaft, die Literatur und die Psychologie eingeführt wurde: Als Methode zur Identifizierung von Bildern, als Kriminalroman und als Psychoanalyse.


[1] Die Form des Schließens, um die es sich dabei handelt, ist weder Induktion, die vom Einzelfall auf das Allgemeine, Gesetzmäßige schließt, noch Deduktion, die umgekehrt vom Allgemeinen, Gesetzmäßigen ausgehend den Einzelfall identifiziert – sondern „Abduktion“, ein Begriff, der von Peirce stammt. Er meint Hypothesenbildung auf Grund eines Zeichens: nicht Beispiele für Regeln, sondern Regeln für Beispiele suchen.

[2] Johannes Evangelista Purkinje, 1787–1869, Physiologe in Breslau und Prag.

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