Junges Forum AIM

Miriam Haagen und Juliane Walther auf der Sommerakademie für Integrative Medizin 2016.

Bericht über das 1. Junge Forum für Integrierte Medizin auf der 19. Jahrestagung der AIM

Von Juliane Walther und Miriam Haagen

„Wie kann ich integriert arbeiten?“ fragten über 15 Studenten_Innen aus Medizin und Psychologie im Jungem Forum bei der 19. Jahrestagung der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) in Innsbruck. Dieses Format wurde in diesem Rahmen unter der Initiative und Leitung von Miriam Haagen, Juliane Walther und Mareike Weibezahl erstmals vorgestellt. Es richtet sich an die Nachwuchsgeneration der „Health Professionals“, also junge Interessierte, welche sich dieses Jahr zu einem Austausch über ihre Erfahrungen und zur Diskussion von Umsetzungsmöglichkeiten trafen: Wie erleben Medizin- und Psychologiestudierende die Psychosomatik in ihrer Ausbildung? Welches Bild wird dort gezeichnet, und mit welchem Selbstverständnis stehen die jungen Menschen dem gegenüber? Was braucht es, und was gibt es schon, auf dem Weg zum integrierten Arbeiten und Handeln?

Aus der psychosomatischen Perspektive stellt der Patient eine Art  Blackbox dar und der Arzt muss mit den zusätzlich gewonnen Informationen auch persönlich umgehen können. Das bringt einem allerdings im Studium keiner bei.

Nach kurzen Impulsen über Theorie, Praxis und Alltagserfahrung entwickelte sich bald eine intensive und inhaltlich dichte Diskussion. Im regen Austausch stellte sich heraus, dass Psychosomatik im Studium noch stark als eigenes, sowie auch als recht spezielles Fachgebiet erlebt wird. In Medizin wie auch in Psychologie werden die vorgestellten Patienten als besonders unklare Fälle wahrgenommen, welche als Extrembild dargestellt werden.

Einen spannenden Perspektivwechsel konnten wir während des Vergleiches von Medizin- und Psychologiestudium begehen. So bemerkte ein Psychologiestudent, dass in seiner akademischen Ausbildung der Körper nahezu ignoriert wird: „Psychologie ist überintellektuell“. Nur am Rande wird der Vollständigkeit halber erwähnt: „Es könnte auch was Körperliches sein.“ In der Medizin trat ein gegenteiliges Bild zu Tage. „Es könnte auch psychosomatisch sein“ wird nur pro forma am Ende fast jeder Differentialdiagnostik erwähnt. Hier lautete die Lehrmeinung eher: „Vergiss nie, es könnte auch etwas Somatisches sein!“ Im Studium scheint sich die Kluft des leidigen Dualismus nicht gerade zu  schließen. Das drücke sich deutlich im vermittelten Selbstverständnis als Arzt aus, fügte Mareike Weibezahl an. Es scheint über die Jahre hinweg ein Bild verfestigt zu werden, in dem der Arzt aktiv, handelnd, wissend, effizient und selbstbewusst zu sein hat. Kurz: Er hat dem Patienten etwas voraus. Psychosomatik hingegen, allgemein verstanden als Randdisziplin – die letzte Bastion-, birgt daher zunächst ein irritierendes Moment. Denn das dortige Selbstverständnis könnte kaum gegensätzlicher sein: Wer psychosomatisch arbeitet, braucht Zeit. Es scheint, als würde Psychosomatik mit langen Gesprächen, schwierigen und chronischen Patienten sowie wenig mehr Handlungsmöglichkeiten als dem Dialog einhergehen. Und so wird Psychosomatik und vor allem integriertes Arbeiten zu einer nahezu unerreichbaren Vision. Doch auch hier konnte ein: „Ja, aber!“ gefunden werden.

In der gemeinsamen Reflexion wurde deutlich, dass integriert/psychosomatisches Arbeiten in erster Linie keine andere Methode, sondern vor allem eine Perspektive ist – ähnlich einer Brille, die man aufsetzt und die einem die Welt in einem anderen Licht erscheinen lässt. Und zwar ergänzend zu dem Bild, welches sich einem ohne die Brille zeigt. Miriam Haagen verlieh dabei dem Aspekt Nachdruck, dass es keine Beobachtung ohne einen Beobachter gibt, dass also im ärztlichen Handeln stets ein Anteil Subjektivität enthalten ist. Integriertes Arbeiten kann dann also vor allem als ein persönlicher Wertanspruch an sich selbst verstanden werden. Dies führte zu einer Erleichterung in der Runde.

Schon schlecht, wenn man zu blöd ist, gesund zu sein. (als Paraphrase vieler Patienten)

Doch der Begriff Psychosomatik stößt nicht nur bei Ärzten auf Widerstand, auch Patienten reagieren oft mit Ablehnung und der Angst, in den eigenen Beschwerden nicht ernst genommen zu werden: „Schon schlecht, wenn man zu blöd ist, gesund zu sein“ – wie es eine Studentin paraphrasierte. Hier ist die Notwendigkeit nach mehr Patientenedukation gegeben, und so zeichnet sich das Bild ab:  In der Praxis wie in der Theorie brauchen beide Seiten mehr Zugangsmöglichkeiten, um in integriertes Denken und Handeln kommen zu können.

Zuvor hatte ein Teilnehmer das Empfinden Vieler ausgedrückt:  „Ich bräuchte mehr Erfahrung oder eine andere Denkweise in der somatischen Medizin, um integriert arbeiten zu können.“ In der Praxis scheint es so, als ob es an Zeit und Fachwissen scheitert, doch wenn integriertes Arbeiten vor allem eine innere Haltung ist, dann kann das praktisch auch bedeuten: Die eigene Entwicklung möchte vorangetrieben werden. Denn am Krankenbett können schon zwei Minuten einen großen Unterschied machen. In der Zeit kann man ein, zwei kleine Fragen stellen, welche ein psychosomatisches Krankheitsverständnis ausdrücken, um Patient und Arzt den Blick für andere Dimensionen zu öffnen. Der Faktor Zeit wird oft als Grund angeführt, weswegen integriertes Arbeiten im Alltag nicht praktikabel ist. Ein Student fragte: „Warum ist hier eigentlich keiner, der BWL studiert?“ Eine gute Anregungen für weitere junge Foren!

Die Runde kam zu dem Schluss, dass das Zeit-Argument nicht ohne Weiteres haltbar ist. Es verdichtete sich die Vermutung, dass neben jeder Berechtigung evtl. gar nicht das eigentliche Arbeiten die größte Herausforderung darstellt – sondern dass die Zeitfrage als Metapher benutzt wird: Dafür, dass der Patient aus der psychosomatischen Perspektive eine Blackbox darstellt, und dass der Arzt mit den zusätzlich gewonnen Informationen auch persönlich umgehen können muss. Das bringt einem allerdings im Studium keiner bei. Dabei kann ein psychosomatisches Verständnis, wenn es nicht nur auf den Patienten, sondern auch auf sich selbst als Mensch angewandt wird, durch das vertiefte Verstehen eine Backup- und damit eine Schutzfunktion einnehmen.

Seite drucken