Kinder in Deutschland

Akute Hilfe im Krankenhaus zu bekommen ist eine der Segnungen unseres Gesundheitssystems. Aber systematisch Krankheit zu produzieren, gehört sicher nicht dazu. © Sven Eisenreich

Immer kränker oder immer kränker gemacht?

Von Stephan Heinrich Nolte, Regionalgruppe Frankfurt

Werden unsere Kinder wirklich immer kränker oder werden sie aus verschiedenen Gründen für immer kränker erklärt? An was „kranken“ unsere Kinder, oder die ganze Gesellschaft. Diese Frage rührt tief an die Wurzeln unseres Gesundheits- und Krankheitsverständnisses, aber auch in unser Gesundheits- und Krankenversicherungssystem hinein.

Im Auftrag der Deutschen Angestellten-Krankenkasse DAK führte die FORSA Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen im April dieses Jahres eine Umfrage bei 100 Kinder- und Jugendärzten zum Gesundheitszustande der Kinder 2011 im Vergleich zu 2001 durch, die jetzt veröffentlicht wurde.

Nahezu alle befragten Ärzte stellten über diese zehn Jahre eine Zunahme von psychischen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten (97 %) sowie von Übergewicht (95 %) fest. 87 % der Befragten fanden eine Zunahme an motorischen Defiziten, drei Viertel eine Zunahme von Sprach- und Hörproblemen, und zwei Drittel eine Steigerung von Haltungsschäden und Rückenschmerzen. Jeder zweite meinte auch eine Zunahme von Kindern mit Hauterkrankungen zu sehen.

Diese Aussagen gelten erst einmal summarisch für alle Altersstufen. Eine weitere Differenzierung zeigt, dass psychische Probleme bzw. Verhaltensauffälligkeiten und Übergewicht am ehesten im Grundschulalter, bei den 6- bis 8-Jährigen gesehen werden, motorische Defizite und Sprach- und Hörprobleme im Kindergartenalter. Haltungsschäden und Rückenschmerzen dominieren bei den Jugendlichen.

Das Gesamtergebnis gibt ein etwas heterogenes Bild: Zwar sind etwas mehr als die Hälfte (55 %) der befragten Kinder- und Jugendärzte der Meinung, dass sich der Gesundheitszustand der Kinder in Deutschland in den letzten 10 Jahren verschlechtert hat, 41 Prozent haben aber den gegenteiligen Eindruck: Der Gesundheitszustand der Kinder habe sich verbessert. Wie passt das zusammen?

Krankheiten im engeren, klassischen Sinne werden immer weniger, todbringende Seuchen sind heute so gut wie unbekannt, die Lebenserwartung hoch wie nie zuvor.

Die Erklärung ist ganz einfach: Krankheiten im engeren, klassischen Sinne werden immer weniger, todbringende Seuchen sind heute so gut wie unbekannt, die Lebenserwartung hoch wie nie zuvor. Die Neugeborenen- und Säuglingssterblichkeit ist vernachlässigbar klein geworden. Dieser Teil des Gesundheitszustandes hat sich verbessert. Auf der anderen Seite steigt trotz weiterhin sehr niedriger Kinderzahlen die Zahl therapiebedürftiger Kinder ständig an, ein Drittel aller Kindergartenkinder gelten als medizinisch – nicht etwa pädagogisch – behandlungsbedürftig. Die dazu notwendigen Verordnungen werden von Kinder- und Jugendärzten geleistet, die auf Druck der Eltern und Einrichtungen zähneknirschend und mit dem drohenden Regress im Nacken nachgeben. Die Gesundheitskosten explodieren, und die Medien sind voll von Berichten über Kindsvernachlässigung, voller Klagen über zu dicke, zu faule und kranke Kinder, die geschlagen sind mit Asthma, Allergien, Aufmerksamkeitsstörungen und Verhaltensproblemen. Das ist der Teil, der sich verschlechtert hat.

Kinderkrankheiten heute

Wenn die Kinderärzte befragt werden, wo heute die größten Gesundheitsrisiken liegen, werden weder Freizeit- oder Verkehrsunfälle und schon gar nicht Erkrankungen genannt, sondern ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel in der Freizeit und eine zu intensive Fernseh- und Computernutzung. Als ein weiterer wesentlicher Risikofaktor wird eine fehlende Vorbildfunktion der Bezugspersonen für bedeutungsvoll angesehen, die häufig mit einem niedrigeren Bildungs- und Einkommensstatus der Eltern verknüpft ist. Des Weiteren ist nach Meinung von gut der Hälfte der Ärzte zu wenig oder schlechter Sportunterricht an den Schulen schuld an der Misere. Bemerkenswert ist, dass das übliche Bild des Kinderarztes, der akute und chronische „Kinder-“ Krankheiten heilen soll, unter den Nennungen dieser Umfrage gar keine Rolle zu spielen scheint. Das ist auf der anderen Seite sehr schön, zeigt es doch, dass ein „biopsychosoziales Denken““ in der Pädiatrie zu einer Selbstverständlichkeit geworden zu sein scheint, auf der anderen Seite zeigt es deutlich, dass pädagogische und soziale Fragen heute gerne in das Gesundheitswesen geschoben werden.

Das Kind ist nicht etwa unerzogen, wohlstandsverwahrlost und in seinen elementaren Bedürfnissen vernachlässigt, sondern krank. Für Krankheit ist das Gesundheitswesen zuständig.

Das Kind ist nicht etwa unerzogen, wohlstandsverwahrlost und in seinen elementaren Bedürfnissen vernachlässigt, sondern krank. Für Krankheit ist das Gesundheitswesen zuständig. Damit werden der Medikalisierung der Kinder und der Gesellschaft allgemein Vorschub geleistet. Nach der KIGGS-Studie (17.450 Kinder von 0-17 Jahren) nahmen 7,2 % aller Kinder in den letzten sieben Tagen vor der Erhebung Psychopharmaka ein. Insgesamt gab die Hälfte (50,8%) aller Kinder und Jugendlichen an, in der letzten Woche mindestens ein Medikament angewendet zu haben. Der Medikalisierungsgrad der Kinder ist somit ein ganz erheblicher. Ein immer größerer Anteil von Kindern wird zum Dauerpatienten, braucht dauerhaft Therapien und / oder nimmt ständig Medikamente ein.

Kinderkrankheiten
Akute Hilfe im Krankenhaus zu bekommen, ist eine der Segnungen unseres Gesundheitssystems. Aber systematisch Krankheit zu produzieren, gehört sicher nicht dazu.

Dazu kommen eine ganze Reihe „hausgemachter“ Dauerpatienten: ehemalige extreme Frühgeborene, Kinder mit überlebten Krebserkrankungen, Organersatz wie Herz- oder Nierentransplantationen, seltenen Stoffwechselerkrankungen und anderen Erkrankungen, die insgesamt zwar selten, in ihrer Summe aber doch recht häufig sind. Für diese Kinder gibt es ausgeklügelte Integrationsprojekte mit pädagogischen und psychologischen Mitarbeitern sowie Sozialarbeitern, die sich in sozial- und versorgungsrechtlichen Fragen auskennen. In der „Regelversorgung“ fehlen diese Möglichkeiten und werden nicht selten mit nicht-indizierten medizinischen Maßnahmen übertüncht.

Systemfehler: Heilungshindernis Gesundheitswesen

Unser gesamtes Gesundheitswesen verfolgt eigennützige Zwecke, es bemüht sich nicht nur um den Gesundheitszustand, sondern um das Einkommen der Akteure, produziert Wachstum, stellt Politiker zufrieden – und vermehrt auch Aktionäre, wie beispielsweise im Falle der Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM) durch ein börsennotiertes Unternehmen. Damit kann das Ziel Gesundheit nie erreicht werden, würde sich doch das System damit überflüssig machen. Der Gesundheitssektor wird zum undurchsichtigen Gesundheitsmarkt – mit der Eigengesetzlichkeit eines Marktes, aber unter besonderer Protektion.
Seit der Einführung des Gesundheitsfonds 2008 ist die Zahl der chronisch kranken Kinder sprunghaft angestiegen, weil durch den „morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich“ Krankenkassen mehr Geld erhalten, wenn sie viele chronisch Kranke betreuen. So sind die Krankenkassen daran interessiert, möglichst viele „chronisch Kranke“ nachzuweisen und sorgen dafür, dass Patienten kränker gemacht werden, als sie eigentlich sind. Es gilt, die Umverteilungsmechanismen des Gesundheitsfonds maximal auszu-nutzen, weil es alle so machen, möglichst bevor es die anderen tun. Ärzte und Krankenkassen haben ein gleichgerichtetes finanzielles Interesse daran, Versicherte zu Patienten zu machen, und bemühen sich, ihre Patienten im Zweifel lieber etwas zu krank als zu gesund erscheinen zu lassen.

Ideal sind dabei „schlimme“ Diagnosen, die im Prinzip teuer sind, aber mit hohen Zuschlägen aus dem Gesundheitsfonds belohnt werden…Bei Kindern ist es vor allem das Asthma bronchiale, welches auf diese Art und Weise „ausgenutzt“ wird.

Ideal sind dabei „schlimme“ Diagnosen, die im Prinzip teuer sind, aber mit hohen Zuschlägen aus dem Gesundheitsfonds belohnt werden, bei Nicht-Kranken. Bei Kindern ist es vor allem das Asthma bronchiale, welches auf diese Art und Weise „ausgenutzt“ wird. Da ist es kein Wunder, dass die Kassen den Ärzten anbieten, bei einer für beide Seiten erlösoptimierten Codierung von Krankheiten zu helfen und zum Beispiel an Eltern und Ärzte herantreten mit der Bitte, Kinder, bei denen schon einmal eine spastische Bronchitis vorgelegen hat, noch einmal etwas gründlicher auf das Vorliegen eines Asthmas und der damit möglichen Einschleusung in ein „Disease-Management-Programm Asthma“ zu überprüfen. Das gibt bares Geld für Eltern, Ärzte und die Krankenkassen. Wenn der Arzt dazu nicht bereit ist, so wird den Eltern gesagt, werde die Krankenkasse gerne behilflich sein, einen entsprechenden Kollegen zu benennen. Ein anderes Beispiel: die Zahl der Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen im Sinne eines AD(H)S ist zwischen 2007 und 2008 um 14 Prozent angestiegen, wie das Bundesversicherungsamt (BVA) im Oktober 2010 berichtete. Das dieser Anstieg medizinisch nicht zu erklären ist, sondern abrechnungstechnisch, liegt auf der Hand. Nun ist es leichter, eine Diagnose zu erhalten, als diese wieder loszuwerden, und die Konsequenzen für das spätere Leben können, etwa wenn es um den Abschluss einer Lebensversicherung oder eine Verbeamtung geht, erheblich sein.

Kein Platz für Kinder

Entgegen allen Beteuerungen der Politik haben Kinder in unserer Gesellschaft keinen Platz.

Baustelle
Die Lebenswelt vieler Kinder sieht leider genau umgekehrt aus: Ihre Freiräume werden immer mehr beschränkt.

Sie werden allenfalls erfolgreich „wegverwaltet“, wie etwa durch die sprichwörtlichen 800.000 Krippenplätze. Zwar wird der Rückgang der Kinderzahlen allenthalben beklagt, auf der anderen Seite aber keine Antwort auf die Frage gegeben, welchen Raum man Kindern zugesteht, welche Umwelt- und Lebensbedingungen man für sie schafft, noch nicht einmal auf die Frage, wenn Kinder, wann denn? Biologisch gesehen ist zweifellos das Alter zwischen 20 und 30 die beste Zeit, Kinder zu bekommen, entwicklungsbiologisch gesehen ist heute aber erst mit Ende 20 von geistiger Reife und einer gewissen Autonomie von der Herkunftsfamilie auszugehen.

Biographisch gesehen ist durch die Verlängerung der Schul- und Lehrzeiten und das absolute Primat der Berufstätigkeit der Frau eigentlich nie der richtige Zeitpunkt zu finden: Ein Schulabschluss an sich ist ohne Lehre oder Studium nichts wert, eine Lehre oder Studium ohne Abschluss ebenfalls. Nach erfolgreichem Abschluss merkt der Berufsanfänger, dass ohne Berufspraxis der bloße Abschluss ebenfalls relativ bedeutungslos ist, sodass erst einmal eine Berufstätigkeit aufgenommen werden muss. Jetzt macht man sich unentbehrlich, ein Ausstieg oder eine Auszeit gefährdet die Karriere, denn in den meisten Berufen verliert man schnell und unwiederbringlich den Anschluss. Da auf ein Sexualleben aber in all diesen Lebensphasen auch nicht verzichtet werden soll, ja ein reich-haltiges Sexualleben sogar ausdrücklich propagiert wird, müssen kontrazeptive Maßnahmen her, die heute leichter und ungefragter denn je zugänglich sind, für Jugendliche sogar auf Kosten der Krankenkassen, denn schwanger zu sein, scheint ja eine Krankheit zu sein, und als prophylaktische Maßnahme gegen eine solche schwere und gefährliche Erkrankung ist die Pille auf Rezept die Antwort.

Die Frage: Kinder, wann? ist somit nicht zu beantworten. Die demographischen Daten geben aber eindeutige Antworten: immer später. Der angebliche Geburtenanstieg, den seinerzeit die Familienministerin Ursula von der Leyen für 2009 prognostiziert hat, bestätigte sich nicht, im Gegenteil, die Zahl von 651 000 Kinder, die 2009 geboren wurden, waren so klein wie nie zuvor. Vor dem „Pillenknick“ der 60er Jahre wurden etwa doppelt so viele Kinder geboren.

Wann, wo und wie passen Kinder in gegenwärtige Lebenskonzepte?

Wenn dann das Häuschen bezogen ist, das Nest gemacht, die Pille abgesetzt wird – nur: auf Bestellung kommen Kinder nicht. Schon bevor sie geboren sind, sind sie belastet durch die Erwartungen, die an sie gestellt werden, die beruflichen und sozialen Entbehrungen, die die Mutter hat hinnehmen müssen. Das ist eine schwere Bürde, die schon auf dem ungeborenen, „unschuldigen“ Kinde lastet, und die wie eine Erbsünde ohne besonderes Zutun des Neugeborenen einfach da ist.

So haben wir auf der einen Seite nicht wenig Teenager-Schwangerschaften und Schwangerschaften von perspektivenlosen jungen Menschen ohne Schulabschluss und Ausbildung, auf der anderen Seite Schwangerschaften bei Frauen im 4. Lebensjahrzehnt, mit komplizierter Vorgeschichte, hoch gespannten Erwartungen und mannigfaltigen „Risiken“, die in einem „Risikokatalog“ dokumentiert sind. Die normale Mitte ist weggebrochen, eine normale Schwangerschaft gibt es ebenso wenig wie eine normale Schwangere. Und es bleiben etwa 1,4 Millionen Paare im Lande kinderlos und suchen nach Möglichkeiten, Nachwuchs zu bekommen. Eine ganze Industrie lebt auch von dieser Krankheit, „Kinderwunschzentren“ haben Zulauf. Denkbar ist heute gar, dass ein Kind nunmehr mehr als fünf Elternteile hat: einen Samenspender, eine Eizellspenderin, eine Leihmutter und schließlich die sozialen Eltern als das Paar, bei dem das Kind aufwächst – wenn sich diese dann neu formieren, was angesichts einer solchen Vorgeschichte eher die Regel als die Ausnahme ist, kommen neue soziale Eltern dazu.

Kann man damit „normal“ bleiben, ist das unsere heutige „Normalität“? Notwendigerweise haben so geänderte Einstellungen, ein solches geändertes „Reproduktionsverhalten“ Konsequenzen für die Kinder; für die ungeborenen wie für die real existierenden: Solche „Gespenster im Kinderzimmer“, wie sie die Kinderanalytikerin Selma Frejberg nannte, sind Psychotherapeuten geläufig und derartige „Familiengeheimnisse“ nicht selten, und, wenn nicht auflösbar, Quelle völlig undurchsichtiger Verhaltensauffälligkeiten und untherapierbarer Erkrankungen.

Fazit

Die Gesundheit der Kinder ist, was das pure Überleben angeht, so gut wie noch nie zuvor in der Geschichte. Die Qualität des (Über)-Lebens bedarf allerdings einer sehr differenzierten Betrachtung und kann nicht allein unter medizinischen Aspekten betrachtet werden, auch wenn unsere Gesellschaft diesen heute das Primat zuerkennt. Es ist nicht so wichtig, was Kinder „haben“ (an Krankheiten, an Diagnosen…), sondern wie es ihnen geht, wie ihre emotionale und geistige Verfassung ist, welche Vorbilder und Perspektiven sie haben. Wir brauchen weniger blinden Aktionismus, sondern ein anderes Bewusstsein, nämlich mehr Herz für Kinder als Bekenntnis zur Zukunft. Ernst genommen, verändert das die ganze Gesellschaft, weil es unserem Leben einen transzendentalen, über unser eigenes kleines Leben hinausgehenden Sinn gibt. Wir haben die Welt nur von unseren Kindern geerbt und sind ihnen verantwortlich, ökonomisch und ökologisch. Welches Erbe werden wir ihnen hinterlassen? Altlasten und Kulturwüsten, auch im Namen von Hygiene, Gesundheit und Medizin?


Stephan Heinrich Nolte ist AIM-Mitglied und arbeitet als Kinder- und Jugendarzt in Marburg. www.sparenborg-nolte.de

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