Konstruktivismus

Wir konstruieren uns die Welt und sehen Füße ohne Füße. © Sven Eisenreich

Dritter Beitrag im neuen Forum „Theoriediskurs“

Von Ottmar Leiß

Unser AIM-Mitglied Ottmar Leiß erläutert in diesem Beitrag wichtige Begriffe des Konstruktivismus. Einige Begriffe davon werden auch in anderen Zusammenhängen erklärt; wir haben diese Doppelungen bewußt in Kauf genommen, weil zum einen die Beitrage in sich geschlossen lesbar und verständlich bleiben sollen und zum anderen weicht auch das Verständnis einiger Begriffe an der ein oder anderen Stelle voneinander ab. Da es sich um einen Theoriediskurs handelt, sollen diese Differenzen sichtbar bleiben.


Konstruktivismus

Unter dem Begriff Konstruktivismus werden mehrere Strömungen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts zusammengefasst, in denen es im Kern nicht um das Wesen der Dinge, sondern um den Prozess und die Entstehung ihrer Erkenntnis geht. Bei den meisten Varianten des Konstruktivismus spielt der Beobachter eine zentrale Rolle. Sie gehen davon aus, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird (1-3). Nach konstruktivistischen Vorstellungen liegt keine externe Realität vor, diese kann durch das eigene Erkennen und/oder den Glauben daran erst entstehen. Entsprechend nimmt jeder Mensch die Welt anders wahr, da er unbewusst Dinge hervorhebt oder sogar neu in das Sichtfeld einfügt, die ihm wichtig erscheinen. Letzlich kann der Mensch seiner eigenen Wahrnehmung nicht trauen, da diese immer in gewissen Maße verzerrt ist.

Der Konstruktivismus geht davon aus, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird.

Vertreter eines Radikalen Konstruktivismus wie z. B. Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld bestreiten die menschliche Fähigkeit, objektive Realität zu erkennen komplett und glauben, dass jeder Einzelne sich seine Wirklichkeit im eigenen Kopf „konstruiert“ .

Ausgehend von methodischen Überlegungen zur Konstruktiven Mathematik glauben Anhänger des Erlanger Konstruktivismus, dass es mit Hilfe einer besonderen Sprach- und Wissenschaftsmethodik möglich sei, das naive Vorfinden der Welt zu überwinden und durch methodische Erkenntnis- und Wissenschaftskonstruktion zu ersetzen (1). Ob dieses so gemeinsam Konstruierte jedoch auch unabhängig von seiner Konstruktion existiert oder bloß einen Konsens belegt, ist offen. P. Janich und Mitarbeiter haben den Ansatz der Erlanger Schule zu einem methodischen Konstruktivismus bzw. methodischem Kulturalismus weiterentwickelt (Marburger Schule des Konstruktivismus) (4,5).

Ernst von Glasersfeld

Ernst von Glasersfeld (1917 – 2010) beschäftigte sich Ende der 40er Jahre mit sprachanalytischen und logischen Fragen, Fragen der Rückführbarkeit der Semantik auf mentale Prozesse und maschinelle Übersetzbarkeit. Mitte der 50er Jahre war er Assistent am neu gegründeten Mailänder „Zentrum für Kybernetik“, ab 1965 leitete er in den USA eine Forschungsgruppe der amerikanische Luftwaffe über computergestützte Linguistik. In den 70er Jahren war er Professor für Kognitionspsychologie und hat sich mit erkenntnistheoretischen Fragen und dem Werk Jean Piagets beschäftigt und das konstruierende Element in der Wahrnehmung und der Erkenntnis betont (1). Philosophisch vertritt er die These, dass die Wirklichkeit konstruiert wird, und dass wir über die konstruierte Wirklichkeit, d.h. die Modelle im Kopf, hinaus nichts Sicheres über die Realität aussagen können (2,3). Ernst von Glasersfeld gilt – zusammen mit Heinz von Foerster – als pointierter Vertreter des Radikalen Konstruktivismus (4,5).

Heinz von Förster

Heinz von Förster (1911-2002) hat in Wien Physik studiert und wurde früh durch Kontakte mit L. Wittgenstein und Philosophen des Wiener Kreises um M. Schlick und R. Carnap beeinflusst. 1949 ging er in die USA, wurde an der Universität von Illinois Leiter des Electron Tube Labs und später Leiter des legendären Biological Computer Laboratorys (1). Als Kybernetiker und Wissenschaftler hat er sich mit erkenntnistheoretischen Fragen und der Frage, wie Organismen Modelle der Welt entwickeln, beschäftigt und einen konstrukti-vistischen Standpunkt vertreten. (Konstruktivismus) (1,2). Von ihm stammt die Unterscheidung zwischen Beobachtung erster Ordnung und Beobachtung zweiter Ordnung und die Betonung, dass der Beobachter nicht sieht, dass er nicht sieht, was er nicht sieht (2,3).

Thure von Uexküll hat bei ihm die Unterscheidung zwischen einer (deterministisch arbeitenden) normalen Maschine und dem lernenden Organismus (kybernetische, d.h. mit der Umwelt rückgekoppelte „triviale“ Maschine) geschätzt und von ihm den Begriff der trivialen Maschine übernommen.

Literaturnachweise Leiß Theoriediskurs III

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