Lebenszeiten und Migration

Dr. Gisela Volck ist Allgemeinärztin aus Frankfurt a. M. © Sven Eisenreich

Eindrücke vom 9. Kongress der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (DTPPP)

Münsterlingen (Schweiz) vom 10.09. bis 12.09.2015

Unter dem Titel: „Lebenszeit und Migration“ fand in Münsterlingen vom 10.-12.09.2015 der 9. Kongress der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum statt. Es ging um Menschen, die Migration, Exil und Flucht erlebt haben, um die krankmachenden Aspekte und ihre Behandlung. Unter den Vortragenden fanden sich Mitarbeiter im System der Krankenversorgung, Ärzte, Ethnologen, Ethnopsychoanalytiker, Gesundheitswissenschaftler, Juristen, Psychologen, Psychoanalytiker, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter. Gegenstand der Betrachtung waren Patientenschicksale, verfolgt bis in die dritte Generation, besondere Patienten-Therapeuten-Beziehungen, spezielle Passungsprobleme, der rechtlich-politische Raum und sich daraus ergebende neue Anforderungen im Bereich der Ausbildung. In den Darstellungen wurde auf Ergebnisse der qualitativen und quantitativen Forschung eingegangen. Die betroffenen Patienten kamen aus verschiedensten Ländern mehrerer Kontinente, jeder brachte seine eigene Form der Lebensweise mit. Ein eindrucksvoller Anteil der Therapeuten wies ebenfalls einen Migrations- oder Fluchthintergrund auf. Verschiedene Zeitabschnitte wurden in den Fokus genommen, Zeitabschnitte mit ihren besonderen historischen Bedeutungen ( z. B. 2. Weltkrieg, Putsch in der Türkei, Balkankrieg, syrischer Bürgerkrieg), die letzten 80 Jahren umfassend. Auf die Psychodynamik von Menschen in der Fremde in unterschiedlichen Lebensphasen (z. B. die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die Alten am Ende des Lebens) wurde eingegangen.

In der Diskussion wurde deutlich, dass der rechtlich politische Rahmen für die Betroffenen folgenschwere Konsequenzen hat und dass die durch fehlende Sicherheit Erkrankten therapeutisch keine Aussicht auf „Heilung“ haben.

Sehr bereichernd war der Einstieg mit den Ausführungen des Juristen Constantin Hruschka, Leiter der schweizerischen Flüchtlingshilfe, Bern. Er zeigte den Zugang zum Asylverfahren auf, die europäischen Vorgaben und ging zugleich kritisch auf die Praxis im Umgang mit verletzlichen Personen ein. In der Diskussion wurde deutlich, dass der rechtlich politische Rahmen für die Betroffenen folgenschwere Konsequenzen hat und dass die durch fehlende Sicherheit Erkrankten therapeutisch keine Aussicht auf „Heilung“ haben. Die Grenzen der Sozialarbeit und Therapie in der Tätigkeit mit Migranten wurden herausgearbeitet (Ruth Schenk-Notter, Münsterlingen).

In einem wissenschaftlichen Hauptsymposium wurde eine große retrospektive quantitative Studie über 20 Jahre hinweg zu „psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ mit den Daten von 5985 Patienten ( Lars Wöckel, Frankfurt) vorgestellt. Erwartungsgemäß konnte ein höherer Anteil an Belastungsstörungen bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgezeigt werden. Kritische Beiträge zum Sinn solcher Studien fehlten nicht.

Eine Untersuchung „Traumatisierte Mütter – Traumatisierte Kinder? Transgenarationale Zusammenhänge von Gewalterfahrungen und Traumaspektrum-erkrankungen in Flüchtlingsfamilien“ (Martina Ruf-Leuscher, Konstanz) wies auf die Notwendigkeit des Blicks auf die Gesamtfamilie mit entsprechender Therapieplanung hin. Mit einer Fallgeschichte eines jungen eritreischen Flüchtlings wurde auf die Stärke solcher Jugendlicher hingewiesen, denn ohne eine solche würden sie die Flucht nicht überleben, und zugleich auf die Grenzen der Resilienz. Mit Erreichen des Ziellandes, der Schweiz, und der gleichzeitigen Androhung der Abschiebung nach Italien brach der Betroffene zusammen, fiel in Zustände des komatösen Stupors, assoziativer Störung und der Unfähigkeit sich selbst zu versorgen. Psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung wurde unumgänglich (Fana Asefaw, Zürich).

Die Notwendigkeit des Traumascreenings im Aufnahmeverfahren wurde diskutiert. Verschiedene Traumafragebögen, strukturierte Interviews, (SKID, DIPS, CAPS, ETI) wurden vorgestellt (Sefik Tagay, Essen).

Die Ethnologin (Rebecca Ehret, Basel u. Luzern) hielt ein Plädoyer für eine neue Gewichtung in der transkulturellen therapeutischen und sozialen Arbeit, von der Kultur zur Struktur. Sie erklärte, dass in den Migrationsbiografien die übergeordneten gesetzlichen Bedingungen eine allentscheidende Rolle spielen, daneben der Wissensstand, das Verstehen der Umgebung und die Sprache der Betroffenen. Sie sprach von Transnationalismus und Transkultur, unserer globalen Welt eher entsprechend. Sie regte ein Infragestellen unserer Ordnungssysteme an.

Dem folgte die Vorstellung einer Leitlinie für inter-transkulturelles Kompetenztraining in der Ausbildung von Psychotherapeuten, eine Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Egozentrismus und den eigenen Vorurteilen (Ulrike von Lersner, Berlin). Das war spannend, aber muss es gleich wieder eine Leitlinie sein?

Im Abschlussvortrag (Wielant Machleidt, Hannover) stand das „Altern in der Fremde“ im Zentrum, die Schwierigkeiten des Altwerdens, die Idealisierung der einstigen Lebensweise im Herkunftsland einerseits und andererseits die veränderten, manchmal aufgelösten Familieverbände, die Entsolidarisierung der Generationen im neuen Land, sowie veränderte Lebensweisen, die „Pendelmigration“, ein transnationaler Lebensstil.

Das waren zwei spannende Tage: transnational, transkulturell und weit über das Leitliniendenken hinausgehend!

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