Moderne Krankheiten

Elmar Brähler liest aus seinem Buch "Lexikon der modernen Krankheiten". © Sven Eisenreich

Vortrag von Elmar Brähler auf der 18. Jahrestagung der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin in Frankfurt

Generalisiertes Heiterkeitssyndrom

Elmar Brähler (Leipzig) stellte eindrücklich dar, wie Gesundheit und Krankheit gesellschaftlichen Prozessen und Definitionen unterliegen. Er zitierte dabei unter anderem aus seinem „Lexikon der modernen Krankheiten“, einer Sammlung von mittlerweile rund 130 modernen Erkrankungen. Im Publikum führte dies zu viel Heiterkeit, weil beispielsweise von der Pharmaindustrie erfundene Diagnosen wie das Sissi-Syndrom (agitierte Depression) oder das Aging-Male-Syndrom (männliche Wechseljahre) kaum ernst zu nehmen sind, in der Praxis aber durch exzessive Marketingstrategien versucht wird, einen betriebswirtschaftlichen Markt zu erschaffen und zu besetzen.

Brähler ging auf Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Bluthochdruck oder Gicht genauso ein wie auf länderspezifische Besonderheiten. So gibt es im Ausland den Begriff ‚german diseases‘; gemeint sind damit Burnout, German Angst, Schleudertrauma und Hypotonie. Dies Erkrankungen kennt man anderenorts gar nicht. Es gibt aber auch das Phänomen, dass Krankheiten Völkern zugeordnet werden. Ein gutes Beispiel dafür  ist die Syphilis, sie hieß

  • Französische Krankheit (Syphilis in Deutschland)
  • Italienische Krankheit (Syphilis in Frankreich)
  • Deutsche Krankheit (Syphilis in Polen)
  • Chinesisches Himmelsstrafengeschwür (Syphilis in Japan).

Klar wird, wie hier auch Ressentiments anderen Volksgruppen gegenüber zum Ausdruck kommen.

Brähler wies daraufhin, dass sich  Gesundheit und Krankheit in drei unterschiedlichen Bezugssystemen beschreiben lassen:

  1. Im Bezugssystem der Medizin als ein Wissens- und Handlungs-system werden Krankheiten und Syndrome vor allem als Normabweichungen und als medizinische Befunde verstanden.
  2. Im Bezugssystem der betroffenen Person stehen das subjektive Erleben von Krankheit und Gesundheit, die zugrunde liegenden subjektiven Krankheitstheorien und die psychologischen Prozesse der Krankheits-verarbeitung im Mittelpunkt.
  3. Im Bezugssystem der Gesellschaft sind vor allem sozialrechtliche Aspekte wie krankheitsbedingte Leistungsminderungen und die Notwendigkeit zur Gewährleistung von Hilfen (wie z.B. Krankschreibung, Versicherungsleistungen) von Bedeutung.

Im Sozialrecht hingegen gibt es gar keine allgemein anerkannte Definition von Krankheit, was insofern verwunderlich ist, weil sich natürlich durch das Kranksein Hilfebedürftigkeit nicht nur auf der zwischenmenschlichen, sonder auch der finanziellen Ebene ergibt. Insofern war es schön, dass Brähler auch auf die unterschiedlichen Dimensionen von Krankheit verwies, auf die Unterschiede zwischen Krankheit und Kranksein, zwischen Befund und Befinden.

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Elmar Brähler erfand das generalisierte Heiterkeitssyndrom.

Auch gesellschaftliche Trends spielen eine große Rolle. Die Bulimie als eigenständige Essstörung gab es bis Anfang der 1980er Jahre überhaupt nicht. Sie entstand in den USA infolge eines Diätenwahns, fand dann ihren Weg nach Europa und Deutschland, war aber in der DDR beispielsweise nie existent.

Die Absurdität mancher diagnostischer Einordnungen führte zu viel Heiterkeit im Publikum. Den Höhepunkt bildete dabei das generalisierte Heiterkeitssyndrom, das er in seinen Vortrag einstreute. Erst am Schluss klärte er sein Publikum darüber auf, dass er es selbst erfunden hatte.

Seinen Vortrag können Sie als PDF-Dokument hier nachlesen, auch wenn es wahrscheinlich nicht ganz so unterhaltsam sein wird wie in natura.

Moderne Krankheiten

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Sven Eisenreich
Dr. med. Sven Eisenreich
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie