Moralische Einbildungs- oder Vorstellungskraft

Dostojewski's Roman Schuld und Sühne. © Sven Eisenreich

Ginzburg (1983) rät Jugendlichen, die Geschichte studieren wollen:

„Romane, sehr viele Romane zu lesen. Weil die moralische Einbildungskraft die grundlegendste Sache ist, und über Romane besteht die Möglichkeit, sein Leben zu vervielfältigen, entweder der Fürst Andrej aus ‚Krieg und Frieden‘ oder der Mörder der alten Wucherin aus ‚Schuld und Sühne‘ zu sein. Tatsächlich aber findet die moralische Einbildungskraft immer weniger Nahrung. … Viele Historiker neigen ihrerseits dazu, sich die anderen als alter ego vorzustellen – d.h. als äußerst langweilige Personen.
Die moralische Vorstellungskraft hat nichts mit Träumerei zu tun, die vom Objekt absieht und narzisstisch ist – und selbstverständlich sehr gut sein kann. Das heißt im Gegenteil, man sollte den Mörder der Wucherin oder Nastasja oder eine Katze mehr aus der Nähe betrachten; das Gegenteil von Narzissmus.“

Moralische Einbildungs- oder Vorstellungskraft ist danach die Fähigkeit, Geschichten zu erleben oder, genauer, mit seiner Fantasie bei den dort geschilderten Ereignissen „dabei zu sein“. „Moralisch“ ist diese Fähigkeit, weil sie bedeutet, das Geschehen als Teil der großen Geschichte zu erleben, die uns alle angeht – unserer Geschichte als Menschen!

Selbstverständlich muss sich der Arzt durch Rückfragen informieren, ob seine Deutungen zutreffen.

Empathie als affektives Miterleben, das Erleben der Gefühle des anderen ist „emotionales Wissen“ (Greenson 1982) und bedarf der Fähigkeit, mit seiner Fantasie bei dem dabei zu sein, was ein anderer, sei es in unserer Gegenwart oder in seiner Geschichte, erlebt. Voraussetzung ist die Fähigkeit der Deutung von Zeichen, die Hinweise auf das geben, was in einem anderen Menschen vorgeht.
Damit hängt die Wichtigkeit zusammen, eine biographische Anamnese erheben und deuten zu können. Sie eröffnet dem Arzt die Möglichkeit, bei traumatischen Ereignissen, die einem Patienten in seinem Leben zugestoßen sind, „dabei zu sein“ und daher zu verstehen, was dieses Ereignis für ihn bedeutet hat und eventuell noch bedeutet.

Selbstverständlich muss sich der Arzt durch Rückfragen informieren, ob seine Deutungen zutreffen. Diese Rückversicherung hat zunächst eine „diagnostische“, darüber hinaus aber auch eine wichtige therapeutische Bedeutung: Sie kann dem Patienten zeigen, dass er verstanden und akzeptiert wird.

Seite drucken