Mundus Annus Homo – Das Zeichen der AIM

Die Gründer der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) wählten als Logo für die Akademie ein kreisförmiges Diagramm, das den Titel: „Mundus Annus Homo“ trägt. Es stammt aus der Werkstatt des Straßburger Buchdruckers Johann Mentelin (1410 bis 1478) und war zu seiner Zeit als Hilfsmittel in der Medizin für Diagnose und Prognose im Gebrauch. Die Wahl dieses Zeichens zum Logo stellt die AIM in eine Tradition von Wissenschaftlichkeit, die den Menschen als Glied des oder eines Kosmos verstehen will.

AIM-4er-SchemaDie Worte Mundus-Annus-Homo bedeuten:

  • Mundus = Makrokosmos – mundus major – Ort der Sternenwelt und des Universums
  • Annus = das Jahr, Jahreszeit, Lebensjahr – als Ausdruck der Vergänglichkeit
  • Homo = Mikrokosmos – mundus minor – als Sphäre des Menschen und der Menschenwelt.

In den Feldern des Kreises stehen die Worte bei:

12 Uhr: Ignis = Feuer. Aestas = Sommer, Hitze. Cholera = Gelbgalle. calidus – siccus = warm – trocken.

15 Uhr: Aer = Luft. Ver = Frühling, Jugend. Sanguis = Blut. calidus – humidus = warm – feucht.

18 Uhr: Aqua = Wasser. Hiems = Winter, Kälte. Humor = Feuchtigkeit. frigida – humida = kalt – feucht.

21 Uhr: Terra = Erde. Autumnus = Herbst. Melancholia = schwarze Galle. frigida – sicca = kalt – trocken

Ich möchte einige Überlegungen anstellen, was die Wahl dieses Zeichensystems als Logo mit den Grundüberzeugungen der Gründer der Akademie für Integrierte Medizin zu tun hatte.

Zunächst einige Informationen: Die ersten solcher Schemata sind aus dem 5. und 6. Jahrhundert tradiert und waren Illustrationen zur Naturgeschichte (Isidor von Sevilla). Die Formgebung des Kreises stand im christlichen Mittelalter als Ausdruck für göttliche Vollkommenheit. Die geschlungenen Girlanden stehen symbolisch für Verbundenheit und Unendlichkeit.

Diesen bildlichen Darstellungen lag eine Ideenwelt zu Grunde, die in das 5. vorchristliche Jahrhundert zu den Vorsokratikern zurückging und Bezug auf die Anfänge der Naturphilosophie nahm. So zum Beispiel auf Empedokles (um 495 – um 435 v. Chr.), der die Lehre von den vier Urstoffen, den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde entwickelte.

Die unterschiedlichen Diagramme veranschaulichten eine zentrale Glaubenswahrheit der frühen Heilkundigen, nämlich dass Entsprechungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos bestünden. Sie forschten nach Zusammenhängen zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen physischer Welt eines Menschen-Körpers und den geistigen und moralischen Wirkkräften seiner Lebenswelt und Umwelt und der kosmischen oder göttlichen Welt.

Heilkunst war schon damals eine Lehre von den Zeichen, die der kranke Körper an die Außenwelt abgibt und die der Arzt zu deuten lernen muss.

Die Diagramme geben uns Heutigen Hinweise auf die Vorstellungswelten mittels derer in den jeweiligen Epochen Ordnung in die Körperzeichen und Äußerungen der Kranken gebracht wurde. Heilkunst war schon damals eine Lehre von den Zeichen, die der kranke Körper an die Außenwelt abgibt und die der Arzt zu deuten lernen muss. Wesentliche Kategorien bei dem Erteilen von Bedeutungen waren damals die vier Elemente und Temperamente, die Himmelsrichtungen, Planeten und Sternkreiszeichen, die Körpersäfte und Organe, die Tageszeiten, Jahreszeiten und Lebensalter und alle Qualitäten der sinnlichen Wahrnehmung wie zum Beispiel Temperatur, Geruch, Tonarten und Farben. In diesen Darstellungsformen stehen Bild, Theorie und Praxis in enger Verbindung zueinander. Krankheiten und Leid wurden als Zeichen von fehlender Harmonie der Säfte, als Zeichen der Un-ordnung oder gestörten Ordnung in der Lebenspraxis und im Zusammenhang mit Einwirkungen höherer Mächte aufgefasst.

Die Wahl dieses Kreisschemas als Logo der AIM stellt uns in einen historischen Kontext mit Heilkundigen, die – vielleicht ähnlich wie wir heute – versuchten zu verstehen, was die Zeichen des Körpers und des gesamten Befinden eines kranken Menschen zum Ausdruck, zur Sprache bringen. Sie sahen den einzelnen Menschen nicht isoliert sondern als Wesen und Glied in vielfältigen Zusammenhängen und Zusammenklängen. Die Akademie und zunächst die Gruppe der Gründungsmitglieder um Thure von Uexküll hatten bei der Wahl des Logos keine im weitesten Sinnen spirituellen oder esoterischen Bezüge im Sinn.

Sie waren den philosophischen Denkrichtungen der Semiotiker, der Konstruktivisten und der Systemtheoretiker verbunden. Zur Entwicklung einer „Integrierten Medizin“ wurde ein in einem umfassenden Sinn verstandenes „biologisches Konzept“ entwickelt. In dessen Zentrum stehen die Grundannahmen, dass ein Mensch als autonomes Subjekt in einem System aus Organismus und Umwelt angesehen werden müsse und dass nur das Studium der „Einheiten des Überlebens“ (Jakob von Uexküll) zu Deutungen und Be-Handlungsanweisungen führen würde, die Genesung und Heilung fördern könnten. Diese Sichtweise versteht, dass Autonomie, also die Fähigkeit, über seine Lebensäußerungen eigengesetzlich verfügen zu können, einer „passenden Umwelt“ bedarf. Alle körperlichen und psychosozialen Aktivitäten sind „ergänzungsbedürftig“ so wie die Atmung als „Leistung“ der Lungen des ausreichenden Vorhandenseins einer passenden Luft bedarf.

Das Logo „Mundus Annus Homo“ als Logo der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin zu verwenden, bedeutet, einen wesentlichen Aspekt der ärztlichen und heilenden Tätigkeiten darin zu sehen, dass es um die Kunst Zeichen (Symptome) zu lesen und zu interpretieren geht und weiterhin um den essentiell bedeutenden Aspekt, die Beziehungen und Anpassungen eines Individuums zu und in seiner Lebenswelt studieren zu wollen.

Dabei steht die klare Gliederung und Rhythmik des Kreisschemas für die Vorstellung, dass es für den Menschen heilsame Ordnungen geben könnte, nach denen zu suchen sich lohnt.

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