Praxis als Forschung

Piagets Konzept des „kognitiven Unbewussten“ bildet die Grundlage für unsere Deutung der Tatsache, dass wir von einem Patienten immer mehr wissen, als wir bewusst formulieren können. Sowohl der integriert behandelnde als auch der nach dem mechanistischen Paradigma arbeitende Arzt gehen bei ihrem Umgang mit Kranken (unbewusst) von anderen als nur ihren bewusst reflektierten Modellen aus. D.h. wir verwenden bei unserer ärztlichen Tätigkeit unterschiedliche (und z.T. unbewusste) Verstehensprinzipien. Es gilt daher, auch die nicht bewussten Verstehensprinzipien bewusst und für die Theorienbildung einer Integrierten Medizin fruchtbar zu machen.

Diese Überlegungen begründen eine besondere Bescheidenheit.

Zum einen: Auch wir sind Lernende (das Modell der Einheit aus Organismus und Umwelt ist Ausgangsbasis für ein neues Verständnis von Gesundheit und Krankheit, gibt aber keine konkreten Deutungs- und Verhaltensanweisung für den Umgang mit den Problemen eines individuellen Patienten).

Zum anderen: Auch der mechanistisch denkende Arzt versteht in der Praxis viel mehr als nur die mechanischen und technischen Probleme seiner Eingriffe. Praxisbeispiel: Der Chirurg, der einen Knochenbruch behandelt, versteht nicht nur die Mechanik seiner fixierenden Maßnahmen. Er kennt auch die Bedürfnisse von Osteoblasten und Osteoklasten, um einen Bruch zu konsolidieren und die Entstehung einer Pseudarthrose oder eines Morbus Sudeck zu vermeiden.

Die Methode, dieses unbewusste Wissen bewusst zu machen, ist für uns „Reflektierte Kasuistik“. Darunter verstehen wir das gemeinsame Nachdenken darüber, wie wir unsere Patienten wahrnehmen, warum wir uns so zu ihnen verhalten, und welche Konzepte und Modelle uns dabei leiten.

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