Semiotik

Ein Ikon, griech. für "Bild", ist in der Semiotik ein Zeichen, hier gesehen in Hamburg. © Sven Eisenreich

Zweiter Beitrag im neuen Forum „Theoriediskurs“

Von Ottmar Leiß

Unser AIM-Mitglied Ottmar Leiß erläutert in diesem Beitrag wichtige Begriffe der Semiotik. Einige Begriffe davon werden auch in anderen Zusammenhängen erklärt; wir haben diese Doppelungen bewußt in Kauf genommen, weil zum einen die Beitrage in sich geschlossen lesbar und verständlich bleiben sollen und zum anderen weicht auch das Verständnis einiger Begriffe an der ein oder anderen Stelle voneinander ab. Da es sich um einen Theoriediskurs handelt, sollen diese Differenzen sichtbar bleiben.


Anthropomorphismus

Unter Anthropomorphismus versteht man die Tendenz, Nicht-Menschliches unter menschlichen Aspekten wahrzunehmen oder in menschlichen Begriffen zu interpretieren. Während viele dies als unwissenschaftlich ablehnen, verteidigt der amerikanische Philosoph Charles Sanders Peirce anthropomorphe Konzepte mit dem Argument, dass Menschen ihre geistigen Fähigkeiten so sehr als Instrument ihrer Bedürfnisse und Wünsche gebrauchen, dass sie nichts anderes meinen und glauben können, das die Grenzen solcher Erfahrungen überschreitet. Peirce zufolge sind fast alle menschlichen Konzepte im Grunde anthropomorph (1).

Fundamentalkategorien

Peirce unterscheidet drei Fundamentalkategorien:

  • Erstheit / Firstness (in-itselfness)
  • Zweitheit / Secondness (over-againstness) und
  • Drittheit / thirdness (inbetweenness) oder – in anderer Formulierung – „qualitative immediacy, brute opposition and dynamic mediation“ (1)

In seiner phänomenologischen Begründung der Kategorien (2) (Phänomenologie) vertritt Charles S. Peirce die „These, dass mit den drei Kategorien eine allgemeine Erklärung der Form aller Erfahrung möglich sei, als Lösung für produktives Philosophieren“ (3). Die Peirce’schen Kategorien haben eine heuristische Funktion, sie sollen, (Nach-) Forschungen und Untersuchungen anleiten und stimulieren.

Erstheit / Firstness

Erstheit ist das, was so ist, wie es eindeutig und ohne Beziehung auf irgend etwas anderes ist.“ (1) Ein Charakteristikum der Erstheit ist Qualität, Absolutheit, Vielfalt, Wesen und Gefühl, in anderen Kontexten auch Spontanität. Neuheit, Frische. Unter Erstheit wird auch das „Vorlogische, Vor- und Unbewußte der Empfindungen und Gefühle“ (2) verstanden. Die immer unmittelbar aufweisbaren Sinnesempfindungen (Qualia) stellen nach Peirce den Ausgangspunkt aller Erkenntnis dar. Erstheit ist für ihn eine Ermöglichungsbedingung von Denken und Erkenntnis.

Zweitheit / Secondness

Mit der Kategorie Zweitheit hebt Peirce auf die Relation ab, auf die „opposition or reaction, to the brute facts of one thing standing over against another“ (1). Peirce zufolge ist Secondness omnipresent. Was auch immer wir sind und tun, wir spüren Widerstand, Opposition, blinde Kräfte ringsum.

 In der Medizin sind viele Symptome indexikalische Zeichen.

In der Peirce’schen Zeichentheorie (Zeichen) wird hinsichtlich der Relation des Zeichens zu seinem Objekt mit dem Begriff Index auf die Beziehung von Zeichen und Realität verwiesen. Standardbeispiel für ein indexikalisches Zeichen ist der Rauch, der auf ein (nicht sichtbares) Feuer verweist. In der Medizin sind viele Symptome indexikalische Zeichen.

Drittheit / Thirdness

Die Drittheit vermittelt – Peirce zufolge – zwischen einem Ersten und einem Zweiten. Ideen, Modellvorstellungen, Konzepte sind charakteristisch für die Methodik der Vermittlung, aber auch die Darstellung, die Kommunikation, die Allgemeinheit und Regelmäßigkeit. Drittheit ist in individuellen mentalen Vorgängen situiert, konkretisiert sich in Repräsentationen, die kommuniziert und mit anderen geteilt werden können und – als abstrakte Zeichen – Anlass zu neuen Interpretationen sein kann.

Lebenswelt

Die Lebenswelt ist die Welt der täglichen Erfahrung. Sie ist die Matrix, aus der alle unsere Handlungen und Reflektionen hervorgehen und der Kontext, in den all unser Engagement und all unser Theoretisieren letztlich situiert und eingebunden ist (1).

Der Begriff wurde von Edmund Husserl (1859-1938) geprägt. Aus der Husserl’schen Phänomenologie wurde der Begriff Lebenswelt später von Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) übernommen und zu einem Schlüsselbegriff seiner eigenen Überlegungen (2). Auch im Denken anderer Philosophen wie Ludwig Wittgenstein und Hans Blumenberg ist die Unhintergehbarkeit der Lebenswelt von zentraler Bedeutung (3,4).

Mentalismus

Unter Mentalismus versteht man die Doktrin, dass Bedeutung ausschließlich oder zumindest primär etwas ist, was der menschliche Geist irgendwelchen Zeichen und Symbolen zuspricht (1). Im Gegensatz zu dieser vom amerikanischen Psychologen und Philosophen William James, Mitbegründer des Pragmatismus, vertretenen These, sind Charles S. Peirce und andere Semiotiker der Meinung, dass Bedeutung in Zeichen und Symbolen innewohnt und dass der menschliche Geist als subjektives Phänomen selbst das Ergebnis semiotischer Prozesse darstellt (2).

Phänomen

Als Phänomene bezeichnet man die Art und Weise, wie Dinge uns erscheinen, im Gegensatz zu Noumene, d.h. Dingen, wie sie an sich sind. Phänomen und Noumen sind philosophische Begriffe für Erscheinung und Realität (1). Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) konstruierte die Unterscheidung zwischen Phänomenen und Dingen-an-sich als einen Dualismus: Noumene oder Dinge-an-sich sind nicht erkennbar, unsere Erkenntnis und unser Wissen bleibt auf Erscheinungen oder Phänomene beschränkt. Peirce hat diesen Kant’schen Dualismus abgelehnt und betont, dass unsere (praktische) Bekanntschaft mit den Erscheinungen der Dinge uns eine mehr oder weniger belastbare Kenntnis der Dinge zur Verfügung stellt (Realität).

Realität

Unter Realität versteht man die Art des Seins. Die Realität ist eine ontologische Kategorie. Ihr Gegensatz ist die Illusion, die Welt der Vorstellungen. C.S. Peirce definiert die Realität in Begriffen der wissenschaftlichen Forschung: die Realität ist das, was eine (ideale) Gemeinschaft der Forschenden „in the long run„, d.h. in einem langen Forschungsprozess, erkennen wird (1).

Semiose

Unter Semiose wird die Aktivität eines Zeichens verstanden, einen Zeichenprozess in Gang zu bringen und eine Verkettung von Zeichen zu bewerkstelligen. Im Gegensatz zur materiellen Inertheit eines Zeichens fokussiert der Begriff Semiose auf einen inhärenten dynamischen Prozess von Zeichen, über den menschliche Zeichennutzer keine oder nur begrenzte Einflussmöglichkeiten haben. D.h. Zeichen sind nicht nur Instrumente, sie sind aus sich selbst heraus auch Agenten (1).

Für Charles S. Peirce ist die Semiose ein irreduzierbar triadischer Prozess, in dem ein Objekt ein Zeichen von sich generiert, und das Zeichen dann einen Interpretanten von sich generiert. Dieser Interpretant generiert dann nachfolgend weitere Interpretanten, ad infinitum.

Zeichen

Ein Zeichen ist „eine Entität, die zugleich die Eigenschaft, Mittel, Objekt und Interpretant zu sein, hat“ (1). „Ein Zeichen oder ein Repräsentamen ist ein Erstes, das in einer solchen genuinen triadischen Relation zu einem Zweitem, das sein Objekt genannt wird, steht, dass es fähig ist, ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird, zu bestimmen, und zwar dahingehend, dieselbe triadische Relation zu seinem Objekt einzunehmen, in der es selbst zu diesem selben Objekt steht „(2).

Mit anderen Worten: Jedes Zeichen kann als Etwas in sich selbst angesehen werden. Es kann darüber hinaus in Relation zu etwas Anderem (seinem Objekt) gesehen werden. Ferner kann es als vermittelnder Faktor zwischen einem Objekt und seinem Interpretantem angesehen werden (3). Diese drei Betrachtungsweisen können im Hinblick auf Zeichen, Objekt und Interpretant wiederum jeweils dreifach unterteilt werden:

  • Ein Zeichen als Etwas in sich selbst kann eine Qualität sein (Quali-Zeichen), ein individuelles Ding oder Ereignis (Sin-Zeichen) oder ein Gesetz (Legi-Zeichen).
  • Ein Zeichen in Relation zu seinem Objekt kann ein Ikon, ein Index oder ein Symbol sein.
  • Ein Zeichen in Relation zu seinem Interpretanten ein Rheme, ein Dicent oder ein Argument (3).

Die Verkettung von Zeichen wird als Semiose bezeichnet. Unser einziger Zugang zur Realität erfolgt via Zeichen der einen oder anderen Art. Der Berliner Philosoph G. Abel spricht von drehtürartiger Verschränkung von Zeichen und Wirklichkeit (4).

Zeichenfunktion

Einige Semiotiker wie z.B. Umberto Eco präferieren statt des Begriffs Zeichen den Begriff Zeichenfunktion, da in diesem Begriff die dynamischen und flexiblen Aspekte eines Zeichens besser zum Ausdruck kommen. Was immer als Zeichen wirkt oder als Zeichen angesehen werden kann, es tut dies aufgrund seiner Funktion, für etwas anderes als es selbst zu stehen oder zwischen zwei ansonsten disparaten und unverknüpften Objekten bzw. zwischen einem Objekt und seinem Interpretantem zu vermitteln (1). Darüber hinaus kann dasselbe Zeichen in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Funktionen haben.

Literaturnachweise Leiß Theoriediskurs II

Seite drucken