Solange jemand zuhört, besteht Hoffnung.

4. Freiburger Symposium zu den Grundfragen des Menschseins in der Medizin

Teil I, Freitag 10. Juni 2016

Unter dem Titel: „Vom Wert des Zuhörens. Für eine hörende Kultur in der Medizin“ hatte Prof. Dr. Giovanni Maio, Lehrstuhl für Medizinethik in Freiburg und Ehrenmitglied der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM), zum vierten Mal zu seinem Symposium eingeladen, bei dem es diesmal thematisch um das Zuhören gehen sollte.

Den Auftakt bildete am Freitag Bernhard Waldenfels, ehemals Lehrstuhl für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, der sich als Phänomenologe dem Thema auf unterschiedlichen Ebenen näherte.

Bernhard Waldenfels, ehemals Universität Bochum und Phänomenologe.
Bernhard Waldenfels, ehemals Universität Bochum und Phänomenologe.

Er wies zunächst darauf hin, dass das Hören in unserer Wahrnehmung meist hinter unser Sehen zurücktritt, obwohl es in der Entwicklung des Kindes eine viel frühere Rolle einnimmt: Wir hören im Mutterleib lange bevor wir sehen. Beispielhaft nannte er Kafkas Fabel Forschungen eines Hundes, an dem er verdeutlichte, dass  wir nicht Musik hören, sondern etwas als Musik hören.  Der Hund hört die Musik als Krach, weil er nicht weiß, was Musik ist. Waldenfels nahm aber auch Bezug zur Medizin und beschrieb in Anlehnung an Sigmund Freud den Anruf des Patienten beim Arzt, um sein Leid mitzuteilen, als Urszene der Medizin. Der Kontakt beginne stets mit einer gehörten Klage, der man sich nicht entziehen könne und die Aufgabe des Arztes sei es, ein singuläres Leiden in einen generellen Krankheitsfall zu verwandeln, ohne das Leiden aus dem Blick bzw. Gehör  zu verlieren. Hören und Heilen gehen für ihn an dieser Stelle ineinander über.

Solange jemand zuhört, besteht Hoffnung.

Alice Holzhey-Kunz aus Zürich führt eine daseinsanalytisch-psychotherapeutische Praxis und vertrat die Ansicht, dass es weniger die therapeutische Ausrichtung als vielmehr die Art des Zuhörens sei, die für den Behandlungserfolg wichtig ist. Sie unterschied zwischen dem informativen Gespräch, in dem ich als Therapeut das Heft in der Hand habe mit dem Impetus: Was will ich hören? und demgegenüber der Blick auf den Patienten gerichtet sein kann: Was will der Patient erzählen? Beides habe seine Berechtigung, aber man müsse als Therapeut für beides zur Verfügung stehen. Holzhey-Kunz orientierte sich sehr an Kierkegaards Idee, dass sich der Mensch vom Tier dadurch unterscheide, dass dieser sich nicht nur fürchten, sondern auch ängstigen könne. Dies sei ein Verweis auf die Selbstbewusstheit unseres Seins. Existenzwissen sei aber kein Sinn-Wissen und gebe daher keinen Halt, sondern mache Angst. Menschen, die dieses Existenzwissen besonders spüren würden – sie nannte es die besondere Hellhörigkeit – würden oft am eigenen Sein leiden, ja gar verzweifeln. Der Therapeut müsse daher bereit sein, sich mit in diese Zone der Angst zu begeben, ein Hören mit dem philosophisch-sensibilisiertem Ohr, wie sie es nannte.

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Michael Schmidt-Degenhard, Düsseldorf, sprach über Verständigung und Verstehen in der Psychiatrie.

Einen mehr klinisch-orientierten Aspekt brachte Michael Schmidt-Degenhard mit seinem Thema Verständigung und Verstehen in der Psychiatrie hinein. Ihm ging es vor allem darum, die Schwierigkeit aufzuzeigen, das Subjektive objektiv abbilden zu wollen, z. B. in Form eines psychopathologischen Befundes. Die Psychopathologie könne aber nur der Versuch eines Erfassens sein, es gebe für ihn stets ein leibliches und ein personales Verstehen. Verstehen sei für ihn ein „Sinn erfassen“ und ein Vertrautwerden in der Distanz (und nicht eine Identifikation mit dem Gegenüber).

Schön war in diesem Zusammenhang das von ihm eingeführte Wort der Ver-Anderung. Beispielhaft nannte er die Melancholie (in Abgrenzung zur neurotischen Depression), die wohl die schwerste Form der emotionalen und intentionalen Entmächtigung darstelle. Das Gefühl des Nicht-Fühlen-Könnens grenzte er klar vom Bedrücktsein der „anderen“ depressiven ab, und auch der Suizid habe bei solchen Patienten für ihn eine ganz andere Dimension als bei einer vorübergehenden schweren Lebnskrise. Er warnte vor einer Affektansteckung des Therapeuten und wies auf die Bedeutung der „Tragung“ im Gegensatz zu den sonst üblichen Begrifflichkeiten der Übertragung und Gegenübertragung hin. Er meinte damit die Notwendigkeit, den Patienten über eine gewisse Zeit zu tragen und stellvertretend für ihn Hoffnung zu haben. Für Maio war dies eine Anknüpfung an das letzte Symposium 2014 Die Kunst des Hoffens und faßte dies in dem Satz zusammen: „Solange jemand zuhört, besteht Hoffnung.“

Eher edukativ näherte sich Claas Lahmann aus München dem Thema. Für ihn war es ein besonderer Vortrag, weil er ab Oktober des Jahres die neue Leitung der Psychosomatischen Klinik der Universität Freiburg übernehmen wird; es war ein Stück weit eine vorgezogenen Antrittsvorlesung.  Anhand vieler praktischer Beispiel, die durchaus auch für Erheiterung zu so vorgerückter  Stunde am Freitagabend sorgten, versuchte er die technischen Aspekte der Gesprächsführung aufzuzeigen.

Claas Lahmann, derzeit noch in München, wird ab Oktober 2016 die Leitung der Psychosomatischen Klinik der Uni Freiburg übernehmen.
Claas Lahmann, derzeit noch in München, wird ab Oktober 2016 die Leitung der Psychosomatischen Klinik der Uni Freiburg übernehmen.

Beeindruckend waren Studienergebnisse, die nachwiesen, wie wichtig es offenbar ist, die Affekte des Gegenübers beim Zuhören innerlich nachzuahmen (sog. affektives Mimikry). Werde diese Möglichkeit beim Sehenden z. B. durch Botox-Injektionen verhindert, sinke die Treffsicherheit in der Identifikation des fremden Affekts signifikant, eine Effekt, der im Übrigen auch durch das Kauen von Kaugummi erreicht werden könne.

So ging der erste Tag zu Ende und wie in den Jahren zuvor war die Menge an Informationen gewaltig, mitunter fast schon erschlagend. Die Zeit für Diskussionen hätte ein bißchen großzügiger bemessen sein können, auch, um das Gesagte besser verdauen zu können. Den Bericht für den zweiten Tag finden Sie auch bald hier, bleiben Sie dran.

Die Themen in der Vergangenheit:

  • 2010: Abschaffung des Schicksals? Menschsein zwischen Gegebenheit des Lebens und medizin-technischer Gestaltbarkeit
  • 2012: Ethik der Gabe. Humane Medizin zwischen Leistungserbringung und Sorge um den Anderen.
  • 2014: Die Kunst des Hoffens. Kranksein zwischen Verlust und Neuorientierung.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte der Website des Veranstalters: menschsein-medizin.de

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Sven Eisenreich
Dr. med. Sven Eisenreich
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie