Vererbte Kriegserfahrungen – Was lebt in den Kindern und Enkelkindern weiter?

Anna Staufenbiel-Wandschneider. © Sven Eisenreich

Öffentlicher Vortrag vom 26.5.2015, KLUB im Gewerkschaftshaus in Hamburg

Eine Veranstaltung in Kooperation zwischen der „Geschichtswerkstatt St. Georg“ und „Kultur im Gewerkschaftshaus e.V.“

Kriege, Terroranschläge, Gewalterfahrungen, Flucht und Vertreibung, Katastrophen lösen oft traumatische Erfahrungen aus. Sie belasten die Betroffenen ein Leben lang und werden nicht selten an ihre Nachkommen weitergegeben. Auch bei ihren Kindern oder sogar bei den Enkeln der Betroffenen können die Erfahrungen zu seelischen Störungen führen. Traumata können über Generationen hinweg weiter gegeben werden. Gibt es dafür Behandlungsmöglichkeiten und Therapien?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde, lassen Sie uns biblisch beginnen: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“ (Ezechiel 18,2) – das steht in der hebräischen Bibel. Schon vor mehr als 2000 Jahren wussten die Menschen, dass das Tun der Vorfahren Auswirkungen auf die Nachkommen hat. Kriegserfahrungen und seelische Folgen des 2. Weltkriegs – mit dieser Themenstellung bat mich Michael Joho im Rahmen der Veranstaltungen der Geschichtswerkstatt St. Georg um einen Vortrag. Ich nehme die Aufgabe als einen Chance, mit Ihnen gemeinsam nachzudenken, denn fertige Positionen gibt es nicht, es gibt mehr Fragen als Antworten, wir sind weiter eher Lernende als Wissende in diesem Gebiet.

Was sind „Kriegserfahrungen“?

Aus Sicht der Historiker gibt es keine „Kriegserfahrung“, es gibt „Zeit-Erfahrungen“, also Lebenssituationen, wie sie für Menschen, die in den Jahren 1939 bis 1945 lebten und sich erinnern können, als zeittypisch bezeichnet werden können. An was denken Sie bei „zeittypisch“? Jeder denkt an etwas Eigenes, etwas, das innen aufbewahrt wurde, verborgen, vernebelt oder viele Male schon angesehen und erzählbar gemacht. Das ist sowohl selbst erlebt oder gehört als auch gesehen in Büchern und Filmen, bewahrt wird es als Bildersequenz mit Tönen, Geräusche, auch Gerüche und besondere Lichtverhältnisse bleiben in Erinnerung. Wenn wir jetzt durch die Reihen hindurch jeden bitten würden, seinen ersten Einfall zum Wort „Kriegserfahrung“ oder „zeittypisch“ für 1939 bis 1945 zu sagen, was käme wohl zur Sprache?

Aus Sicht der Historiker gibt es keine „Kriegserfahrung“, es gibt „Zeit-Erfahrungen“, also Lebenssituationen, wie sie für Menschen, die in den Jahren 1939 bis 1945 lebten und sich erinnern können, als zeittypisch bezeichnet werden können.

Es kämen Alltagsbilder und Schreckensszenarien, Bombennächte erlebt als Mutter, als Kind, Evakuierung, harte körperliche Arbeit, Hunger. Soldatenerinnerungen an der Front, unterwegs. Verlusterfahrungen aller Art und Schwere, Fluchtszenen. Bahnhofssituationen. Szenen als Flakhelfer, Tätigkeit als Krankenschwester, der eingebrannte Augenblicke, als der Brief mit einer die Todesnachricht kam. Erinnerungen an Alltag wie Schule, Familienärger, Liebeskummer und Lebensfreuden. Meine Schwester, geb. 1934, erinnert sich, wie sie Granatsplitter sammelte und tauschte, sie erzählte mir von der Kinderlandverschickung. Die meisten Menschen beginnen, wenn man sie bittet, von diesen Jahren zu erzählen mit dem Satz : „Es gab auch gute Zeiten.“ Kann man denn über diese vielfältigen Lebenssituationen etwas aussagen, über ihre Auswirkung auf das Seelenleben damals bis heute?

Was lebt weiter?

Die Frage beinhaltet, dass etwas weiterlebt in den Nachkommen. Diese Frage zielt auf die interpersonellen, die zwischenmenschlichen Vorgänge: die im Fachwort „Trans-generationelle Prozesse“ genannten Geschehnisse. Was können wir uns darunter vorstellen? „Trans“, d.h. zwischen den Generationen Großeltern – Eltern – Kindern und Enkeln wird „ETWAS“ prozessiert. Das Wort geht auf „procedere“ zurück, d.h. vorwärtsgehen, vorrücken, vortreten. Im philosophischen Kontext wird Prozess auch als Synonym für „Bewegung“ genommen. Zwischen zwei und natürlich auch drei, vier und mehr Menschen finden Bewegungen statt, unsichtbare Fäden verbinden uns, ein Netzwerk wird gesponnen. Wir haben uns dafür die Vorstellung von energetischen Prozessen, Schwingungen, Vibrations, Resonanzen angewöhnt.

Erlebtes, Gefühltes und vor allem Gedachtes – es schwingt hin und her, da wird gesendet und empfangen – immerzu in beide Richtungen – davon das allermeiste ohne Worte und ausgeformte Botschaften. Diese Beschreibung beinhaltet die Vorstellung, dass es Denken und Fühlen ohne Worte gibt.

Wir sprechen heute Abend hier also über verborgene Vorgänge, die keiner direkt beobachten kann. Kein Mikroskop, kein Bild im NMR, keine Interviewtechnik, kein Psychologe finden direkten Zugang zu etwas, das real geschieht und sich doch nicht enthüllen lässt. Wir können lediglich Spuren lesen und mittels einfühlsamen Nachdenkens uns „einen Reim darauf machen“.

Beispiel

Eine Freundin, 76 Jahre alt, sagt zu mir: „Durch diese ganzen Erinnerungstage, die jetzt so in den Medien sind, muss ich wieder mal grübeln, was mein Vater im Krieg getan hat. Ich bedauere so, dass ich ihn nicht gefragt habe. Heute denke ich, er wäre bereit gewesen etwas zu erzählen, aber wir haben uns wohl beide immer geschont.“ Was hören Sie? Dieser Satz ist sicher von vielen Nachgeborenen und Kriegskindern gesagt worden. Eine Botschaft, die ich höre, ist die Angst, der Vater sei in Gewaltverbrechen verwickelt gewesen.

Eine weitere ist die Frage, wer hat wen geschont und wovor?

  • Vor dem Inhalt der Erzählung?
  • Vor dem Verlust eines idealen Bildes von der väterlichen Persönlichkeit?
  • Vor dem Unvorstellbaren, dass er erlebt hat?
  • Vor der Entdeckung, dass er darüber keine Scham oder Schuld gefühlte hätte?
  • Oder dass er über diese Gefühle seiner Lieblingstochter gegenüber nicht hätte sprechen können?
  • Vielleicht wäre er bei Rechtfertigungen geblieben?
  • Vielleicht wäre er zusammengebrochen?
  • Vielleicht hat die Tochter sich geschont…

Eine Frau von 43 Jahren sagt in einer Therapiestunde :
„Wir hatten ein Familienfest, sicher das letzte, an dem mein Vater noch dabei war. Irgendwie dachte ich plötzlich: Frag doch mal den Opa, ich hab doch noch die Chance. Andere haben keine Eltern mehr. Und dann habe ich meinen Vater – 87 Jahre alt – echt gefragt, so als wir nur zu dreien waren, mein Sohn war dabei. ‚Opa‘, habe ich gesagt, ‚Wie war denn das, damals, was erinnerst Du denn so vom Krieg‘. Und wissen Sie, was er geantwortet hat? Er sagte doch glatt: ‚Ach weißt Du Kind, es war nicht alles schlecht beim Hitler.'“

„Ich dachte, ich fall um“, fuhr sie fort. „Ich sagte: ‚Opa, wie kannst Du das denn sagen! Der war doch der größte Verbrecher auf der Erde‘ und dann dachte ich, lass uns mal schnell das Thema wechseln. Und er sagte dann: ‚Die Deutschen waren damals sehr arm und er hat ihnen Arbeit gegeben‘.“

Die Frau machte eine längere Pause und saß nachdenklich da – fuhr dann fort: „Und am nächsten Tag habe ich meinem Sohn gesagt: ‚Das war ja wohl heftig, was Opa da gestern gesagt hat‘. Und der hat darauf gar nicht richtig reagiert.“

Welche Spuren lassen sich hier lesen?

Dieser alte Mann, von dem die Tochter annimmt, dass er nicht mehr lange leben wird, den sie liebt, schont sie nicht, er antwortet ihr in gewissem Sinne „unbedacht“, er nimmt die Zurechtweisung, die ihn wohl nicht überrascht hat, in Kauf. Er bietet zunächst seinen Satz an, wie eine Formel, so klingt es in meinen Ohren, vielleicht dient sie ihm als Abwehrformation? Abwehr gegen was? Gegen eigene Fragen? Das wäre eine Art die Spuren zu lesen, wie sie mir einfiel. Vielleicht denken Sie: Was soll das heißen, das sei eine Abwehr? Der hat keine Fragen an sich und an seine Zeiterfahrungen! Vielleicht macht sie mein Einfall ärgerlich?

Das würde für mich zu der weiteren Frage führen: Wenn einer keine Fragen hat, wo sind sie geblieben? Dieses Beispiel soll hier folgendes verdeutlichen: Gesprochene Worte sind lediglich eine Ebene der zwischenmenschlichen Prozesse, die gesendeten und empfangenen Botschaften sind zeitgleich um ein Vielfaches mehr und komplexer und zu trennen von dem, was die Worte transportieren. Sie zeigt auch: Offene Fragen können deren ungesagte – vermutlich wertende Erwartungshaltung – nicht verbergen. So kann ein Gesprächsversuch wie eine Annäherung beginnen, ja sogar so gemeint sein und als Distanzierung mit Ratlosigkeit oder Abwertung weiter gehen. Und sie soll weiter aufzeigen, dass es bis heute in Familien, die sich miteinander verständigen und verstehen möchten, unüberwindliche Hürden gibt, die aus Gefühlen und aus Bewertungen bestehen.

Zwei Zitate aus dem Buch: „Unbewusste Erbschaften des Nationalsozialismus„, erschienen im psychosozial-Verlag. Ute Althaus im Kapitel „Lügen Wünsche Wirklichkeiten“ schreibt dazu (. S 275): „Wir Kinder der Nazis sind in einer verlogenen Umwelt aufgewachsen und diese wurde uns zur Normalität. Worte bedeuteten nicht, was sie zu bedeuten vorgaben. Lügen wurden als Wahrheit verkauft…Verbrechen wurden als moralische Pflichterfüllung, Unterwerfung und Gehorsam wurden als Liebe zu den Eltern angesehen. Die Wirklichkeit der Eltern durften wir nicht sehen noch durften wir merken oder uns anmerken lassen, was sie uns antaten.“

Wir Kinder der Nazis sind in einer verlogenen Umwelt aufgewachsen und diese wurde uns zur Normalität.

Ruth Waldeck im Kapitel „Spuren des Grauens“ schreibt (S. 246): „Ein auf Leid zentriertes Fragen und Sprechen ist nicht nur für die Fragenden konfliktreich, sondern mehr noch für das beschädigte Individuum selbst, denn es muss dazu bereit sein, sich seine seelische Verwundbarkeit einzugestehen. Das bedeutet, vom Phantasma der eigenen Stärke Abschied zu nehmen, was mit Beschämung und Ohnmachtsempfinden einhergeht. Das heißt auch, den Staat als Täter zu benennen, in dessen rassistische Machtpolitik sich die Soldaten einspannen ließen. Vom Leiden…lässt sich für deutsche Kriegsteilnehmer und die Zivilbevölkerung also nur dann lösend sprechen, wenn sie bereit sind, die eigene Verstrickung in die nationalsozialistische Politik bewusst werden zu lassen.“

In diesem Text, in dem es um die Kriegserlebnisse der Väter und deren Schatten auf die Nachkriegsgeneration geht, bemüht sich die Autorin – eine Psychotherapeutin – im Gespräch mit dem Vater um Verständigung mit ihm. Es heißt es weiter: „Durch die Zentrierung auf die eigene Verletzlichkeit entsteht – für viele Soldaten erstmals – bewusst ein Mitgefühl mit sich selbst. Dies ist Voraussetzung dafür, allmählich auch Mitgefühl für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und des Krieges zu empfinden und ein Schuldbewusstsein zu entwickeln. In diesem Konflikt zwischen dem Wunsch, sich Belastendes von der Seele zu reden und der Angst vor den dann möglich werdenden Einsichten, vor Scham – und Schuldgefühlen befindet sich die am Nationalsozialismus beteiligte Generation.“

Was lebt weiter in uns?

Diskussionen zum Thema „Seelische Auswirklungen vom 2. Weltkrieg“ anzuregen, ist in einem solchen offenen Rahmen nicht ohne Risiko, es ist unvermeidlich, dass das Thema persönliche Erinnerungen auftauchen lässt, deren emotionale Wucht unerwartet groß sein kann. Wir Menschen brauchen dann eigentlich einen geschützten Rahmen und die Zusicherung, dass ein begonnenes Sprechen Fortsetzung finden kann, dass Interesse aneinander da ist. Das kann eine solche Veranstaltung nicht leisten. So möchte ich zumindest sagen: Sollte bei jemandem von Ihnen heute etwas aus der Erinnerung aufsteigen und ihn sehr aufwühlen, dann rate ich Ihnen, geben sie sich genug Zeit, um die Bilder abklingen zu lassen, schreiben Sie auf, was aufgetaucht ist, das kann bei der Verarbeitung helfen, wenn möglich, sprechen sie in den kommenden Tagen mit vertrauten Menschen darüber – möglichst auch über ihre Gefühle und ihre Fragen.

Zu meiner Person

Dass Michael mich anfragte, hat mit meiner beruflichen Tätigkeit als Ärztin und Psychotherapeutin zu tun – weil ich mich damit beschäftige, dass es innere, vor allem unbewusste Verbindungen geben kann zwischen frühen Lebenserfahrungen und späterem Krankwerden – das können seelische Leiden sein wie z.B. Angsterkrankungen, Depression und chronische Schmerzen ohne körperliche Ursache. Aber auch körperlich Kranke kommen zur Psychotherapeutin und fragen nach der eigenen Lebensgeschichte oft nach den Folgen von einschneidenden Belastungen.

Was kann Psychotherapie da „machen“, wenn das Leben schwer war? Aus der Lebensgeschichte lassen sich die inneren Einstellungen, die Haltungen von Betroffenen verstehen. Kranksein vor allem wenn Arbeitsunfähigkeit und ihre sozialen Folgen das Leben ändern, wenn das Selbstbewusstsein wegbricht, weil krankheitsbedingt die Rollen im Alltag sich ändern, dann reagiert jeder emotional. Vor allem weil Hilfsbedürftig-Sein, Angst und Verlassenheit erfahren werden. Dann kommt zum Tragen, dass jeder Mensch individuelle Möglichkeiten der Bewältigung von Krisen in sich hat. Diese sind in Familien tradiert, aber sie sind auch von der Gesellschaft, d.h. sie sind zeittypisch geprägt. Sie sind nicht nur private Angelegenheit und Ausdruck individueller Lebensauffassung. Meine Möglichkeit zur Frage: „Was lebt in uns weiter?“ etwas zu sagen, bezieht sich auf mein berufliches Gebiet: Krankheitsbewältigung und Umgang mit Schmerz, Angst und Trauer.

Der psychohistorische Blick

Dass in der ärztlichen Praxis und der Psychotherapie der „psychohistorische“ Blickwinkel eine bedeutende Rolle spielt – spielen sollte, ist eine moderne Sicht. Modern in dem Sinne, als sie die aktuellen psychologischen und psychotherapeutischen Vorstellungen der Persönlichkeitsentwicklung aufnimmt. Wurden Sie von einem Arzt nach Kriegserfahrungen – eigenen und denen ihrer Vorfahren schon einmal gefragt? Was denken Sie, wenn Ihnen diese Blickrichtung angeboten würde? Wollen Sie das?

Auf viele Menschen wirkt es meist erstmal befremdlich und führt zu Einwänden – etwa wie:

  • das liegt doch alle sehr lange zurück,
  • das haben ja damals alle erlebt,
  • was nützt es, daran zu denken, jeder musste mit seinem Schicksal fertig werden,
  • offensichtlich hat es ja den meisten nicht geschadet,
  • man kann doch nicht dem, was heute ist, entrinnen und
  • was heute in den Familien läuft auf die Ereignisse von damals schieben, das geht nicht,
  • die alten Geschichten wühlen doch nur auf und wecken Angst und Schrecken auf, und steigern nur die Verzweiflung.

Es gibt noch ein anderes Hemmnis nach dem Leiden in der eigenen Familie zu fragen: Die eigenen Erfahrungen aus dem Nationalsozialismus und den Kriegsjahren nicht wichtig zu nehmen, war und ist aus der Einsicht geboren, dass der Krieg von Deutschland ausging und dass die NS-Verfolgungspolitik sehr vielen Menschen, so viel Leid zugefügt hat, dass nur die Folgen dieser Massenverbrechen zum Thema werden dürfen. Diese lange verbreitet Haltung hat damit zu tun, dass Scham und Schuld, ebenso auch von uns Nachgeborenen übernommenen Schamgefühle und Schuldgefühle eine Barriere aufrichteten, sich mit dem Leid der deutschen Täter – Opfer zu beschäftigen. Damit wird immer die Sorge verbunden, dass durch das Anerkennen, dass Täter traumatisiert sind, das Leiden der Opfer relativiert werde.

Es ist eine fachliche und eine politische Diskussion, ob die Leiden von Opfern von Gewalt und das Leiden von Tätern und Mitwissern vergleichbar seien und worin ihr Unterschied besteht.

Über die Folgen des 2. Weltkrieges zu sprechen geht nicht, ohne darüber zu sprechen, dass alle unter der Diktatur, unter dauernder Propaganda lebten. Diese setzte alles daran, die Ideologie der Stärke, des Herrenmenschentums einzupflanzen. Das propagierte Menschenbild beinhaltete das systematischen Abtrainieren von Mitleid. Die Gewaltherrschaft begann, wie Sie alle wissen, 1933, d.h. nicht erst im Krieg. Es darf und muss Thema sein, was die Lebenswege der heutigen Alten entscheidend geprägt hat, denn deren Verstrickungen, Schuld und deren Leid hat auf unsere Kultur und Gesellschaftsentwicklung große Wirkungen. Dabei gilt es sowohl das Leben und Aufwachsen im Nationalsozialismus und die Kriegsjahre zu bedenken – beides ist miteinander engstens verwoben. Die Kommunikation in Familien wird weiterhin davon tiefgreifend geformt, beides wirkt auf die bewusste und unbewusste Auswahl, von dem was sagbar und unsagbar ist – was denkbar und undenkbar ist, was gefühlt werden kann und was unfühlbar bleibt.

Tatsachen – Zahlen

Ich muss jetzt einige wesentliche Zahlen nennen: Als Kriegstote oder Menschenverluste des Zweiten Weltkrieges werden im engeren Sinn die Menschen bezeichnet, die seit dem Kriegsbeginn in Europa am 1. September 1939 bis zur Kapitulation Japans am 2. September 1945 durch Kriegshandlungen getötet wurden; im weiteren Sinn auch die, die durch Massenverbrechen im Kriegsverlauf und Kriegsfolgen ihr Leben verloren. Die Schätzungen, die Verbrechen und Kriegsfolgen einbeziehen, reichen bis zu 80 Millionen Kriegstoten. Für die durch direkte Kriegseinwirkung Getöteten werden meist zwischen 50 und 56 Millionen angegeben. (Militärgeschichtliches Forschungsamt, Reihe: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. 2008.)

5,3 Millionen deutsche Soldaten starben  von mehr als 18 Millionen eingezogenen Soldaten zwischen 1939 und 1945 – 1,1 Millionen vermisste Soldaten – etwa 500.000 Menschen starben im Bombenkrieg, die Hälfte Frauen und Kinder. Die toten Soldaten und die vermissten hinterließen mehr als 1,7 Millionen Witwen, fast 2,5 Millionen Halbwaisen, etwa ein Viertel aller Kinder wuchsen nach 1945 ohne Vater auf.

11 Millionen körperlich und vor allem seelisch schwer verletzte verstümmelte Männer kamen zwischen 1945 bis 1955 ins Alltagsleben zurück – Opfer deutscher Massenverbrechen: Gesamtzahl: 13.109.600.

Was lebt weiter? Kriegsfolgen aus medizinischer und psychologischer Sicht.

Es gab eine Zeit, in der war in Lehrbüchern der Psychiatrie unter den Stichworten Krieg, Verfolgung, Ausbombung, Vertreibung, Vergewaltigung nichts zu finden. So hielt die psychiatrische Wissenschaft lange an der Annahme fest: Psychisches Leiden infolge extremer Gewalterfahrung sei in der Regel auf eine anlagebedingte Schwäche und nicht auf das Erleben selbst zurückzuführen. Wer Leid nicht zügig bewältigen konnte, galt als Neurotiker.
Ärzte und Patienten saßen sich also in Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit gegenüber. Dieses „Dogma der Stärke“ beherrschte den psychiatrischen Diskurs in Deutschland nach beiden Weltkriegen.

Es gab eine Zeit, in der war in Lehrbüchern der Psychiatrie unter den Stichworten Krieg, Verfolgung, Ausbombung, Vertreibung, Vergewaltigung nichts zu finden.

Große gesellschaftliche Umbrüche führten zu neuen Einsichten. Der gesellschaftliche Diskurs um den Auschwitzprozess herum und die psychiatrischen Auffälligkeiten vieler Vietnam-Heimkehrern, die die Entwicklung von „Psychotraumatologie“ als Fachgebiet anstießen, müssen hier in aller Kürze als zwei Hinweise darauf dienen, dass in den 70iger Jahren das psychiatrische, psychologische soziologische und politische Denken sich wandelte. Dass Gewalterfahrungen zu bleibenden Veränderungen der Persönlichkeit führen können, wurde nun wissenschaftlich anerkannt.

Wir kommen zu dem Begriff „Trauma bzw. Psychotrauma“. Was ist „PTSD“ oder „post traumativ stress disorder“ oder „posttraumatische Belastungsstörung“? Fischer und Riedesser definieren Trauma in ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie (München, 1998, S. 79.) als:
„[…] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

Das amerikanische System DSM-IV-TR sieht das Trauma-Kriterium erfüllt, wenn die beiden folgenden Aspekte gleichzeitig vorliegen:

  1. Die Person erfuhr, beobachtete oder war konfrontiert mit einem oder mehreren Ereignissen, die tatsächlichen oder drohenden Tod, tatsächliche oder drohende ernsthafte Körperverletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit von einem selbst oder Anderen einschloss.
  2. Die Reaktion der Person schloss starke Angst, Hilflosigkeit oder Grauen ein.
    Hinweis: Bei Kindern kann sich das stattdessen in Form von desorganisiertem oder agitiertem Verhalten äußern.

Stand der Forschung in Deutschland

Nach Hartmut Radebold können wir davon ausgehen, dass etwa die Hälfte der Jahrgänge 1930-32 bis 1947- 48 unter lang anhaltenden und unter dauerhaft beschädigenden Einflüssen ihre Kindheit und Jugend verbrachten.

Als belastende bis traumatisierende Ereignisse gelten:

  • häufige Fliegeralarme,
  • Ausbombungen,
  • Evakuierung,
  • Flucht,
  • Hunger,
  • Armut,
  • langfristige und dauerhafte Abwesenheit der Väter, Mütter, Geschwister und anderer zentraler Bezugspersonen.

Seine Forschung ergab, dass mehr als 15 % der heute über 60-jährigen unter Angstkrankheiten, depressiven und psychosomatischen Störungen leiden. Ein europäischer Vergleich ist wegen der unterschiedlichen Methoden von Datenerhebung nicht möglich. Radebold ging der Frage nach, warum vor allem psychosomatische und seelische Krankheiten in der Generation der Kriegsteilnehmer und bei den sogenannten „Kriegskindern“, die 1932/33 bis 1945/47 geborenen, zunehmen?

Michael Ermann (München): Die bislang (Stand 2010) größte Studie zum Thema „Kriegskindheit“ ergab u.a.: Kriegskinder leiden bis heute weit häufiger unter psychischen Störungen wie Ängsten, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden als der Bevölkerungsdurchschnitt. Rund ein Viertel der befragten Kriegskinder zeigte sich stark eingeschränkt in der psychosozialen Lebensqualität, damit sind die Beziehungen gemeint, ob diese als ausreichend gut empfunden werden. Jede/r Zehnte war traumatisiert oder hatte deutliche traumatische Beschwerden, zum Beispiel wiederkehrende, sich aufdrängende Kriegserinnerungen, Angstzustände, Depressionen und psychosomatische Beschwerden wie Krämpfe, Herzrasen und chronische Schmerzen.

Gewalterfahrung und Psychosomatik

Warum nehmen die psychischen und psychosomatischen Krankheiten im Alter zu? Im Alter nehmen die Verluste, die jeder erleben muss, zu. Eltern, Partner und Freunde sterben, Kinder und Enkel gehen weg, Hören, Sehen, Potenz und Denkfähigkeit nehmen ab, Gelenke werden steif, schmerzen, die Beweglichkeit ist eingeschränkt. Auch die sozialen Funktionen und Ämter werden in der Regel weniger. In dieser Lebensphase hat jede/r also Verlusterfahrung hinter sich, erlebt sie aktuell und viele noch vor sich.

Stellen Sie sich es so vor: Bedeutende emotionale Ereignisse werden „im Inneren abgelegt“ – im Gedächtnisspeicher. Wie ein jede/r mit Trennung, Verlust, Schmerz und Trauer umzugehen vermag, ist ein in Familien eingeübter und von der umgebenden Gesellschaft geprägter Vorgang. Die Bindungsforscher (John Bowlby) sprechen von „Modellszenen und inneren Arbeitsmodellen“, die sich formen und in Krisen als Denk – Fühl – und Handlungsanweisungen dienen.
Wir haben aber noch etwas mehr im Speicher, nicht nur „Drehbücher“, sondern auch Wertefühler und -kontrollen und diese stammen von den Elterngenerationen.

Nach Sigmund Freud in „Totem und Tabu“ sei keine Generation imstande, bedeutsame seelische Vorgänge vor der nächsten zu verbergen. Freud schreibt 1933 in „Neue Folgen der Vorlesungen“: „So wird das Über-Ich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vorbild der Eltern, sondern des elterlichen Über-Ichs aufgebaut; es erfüllt sich mit dem gleichen Inhalt, es wird zum Träger der Tradition, all der zeitbeständigen Wertungen, die sich auf diesem Wege über Generationen fortgepflanzt haben. Sie erraten leicht, welch wichtige Hilfen für das Verständnis des sozialen Verhaltens der Menschen sich aus der Berücksichtigung des Über-Ichs ergeben“.

Nach Sigmund Freud in „Totem und Tabu“ sei keine Generation imstande, bedeutsame seelische Vorgänge vor der nächsten zu verbergen.

Das heißt: Was meine Vorfahren für falsch und richtig ansahen, habe ich verinnerlicht. Wenn ich nun im Alter von z. B. 70 Jahren durch eigene Krankheit, Verlust und Einsamkeit traurig bin, kommen die Lebensthemen der frühen Jahren in Berührung mit heutigem Erleben.
Nun werden die Anlässe zum Trauern und Traurigsein häufiger. Aber was konnte ein Mensch zwischen 1933 und der Nachkriegszeit übers Trauern kennen lernen? Während der Jahre ab 1933 und lange bis nach 1945 herrschte eine Art Verbot zu Trauern. Unsere Vorfahren lernten vor allem nicht, gemeinsam zu trauern. Sie kultivierten nicht, den Trost, den Gemeinschaft in der Zeit des Abschiednehmens und der Trauer bedeuten kann. Was unter der Idealisierung von Abhärtung und Gefühlskontrolle abtrainiert wurde, fehlt nun. Die Forschung zeigt, dass, wenn Angst und Hilflosigkeit erfahren werden, Schutzsuche, Suche nach Nähe und Geborgenheit die wichtigsten Heilmittel sind. Wenn es nicht genügend Schutz gibt, sind Erstarrung, Fühllosigkeit und im weiteren Verlauf dann Minderwertigkeitsgefühle die Folge. Die ungefühlten Emotionen, die unter der Erstarrung nicht verschwinden, können sich z. B. in Herzdruck, Unruhe, Schlafstörung, Müdigkeit, Lebensangst zeigen. Das ist eine zentrale Hypothese, wie psychosomatischen Symptom entstehen können, einschließlich eines psychohistorischen Blickwinkels.

Eine nationalsozialistische Erziehung ist immer eine Erziehung zur Bindungslosigkeit bis zur Bindungsunfähigkeit.

Wir sind nun bei der Frage nach der nationalsozialistischen Erziehung und Propaganda und ihren Spätfolgen. Haben wir uns von deren Menschenbild und gesellschaftlichen Implikationen erholt? Wohin haben wir uns in den Jahren von 1945 bis heute entwickelt? Sigrid Chamberlain analysierte NS-Erziehungsbücher von Johanna Haarer. „Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, so hieß ein Erziehungsbuch, dass millionenfach in Haushalten gelesen wurde. Das Erziehungsideal im Dritten Reich kann nach A. Eckstaedt so beschrieben werden: „Ein Kind soll früh abgehärtet werden. Dieses Abhärten bezog sich nicht allein auf die Stärkung körperlicher Widerstandskraft, sondern ebenso auf psychisches Wachstum. Gefühle galten als Verzärtelung, die der Ertüchtigung entgegen stand und wurden so lange unterdrückt, bis sie gar nicht mehr erlebt wurden. Man fror nicht, man schob den Gang zur Toilette auf, ein Junge weinte schon gar nicht, man fürchtete sich nicht, sondern zeigte Mut, Stärke Unerschrockenheit“.

„Das war damals die Auffassung“, denken Sie jetzt vielleicht. So war eben autoritäre, disziplinierende Erziehung. Nun muss klar unterschieden werden: eine autoritäre Erziehung ist nicht dasselbe wie eine nationalsozialistische. Es muss noch ein Aspekt hinzukommen: es ist der, dass eine nationalsozialistische Erziehung immer eine Erziehung zur Bindungslosigkeit bis zur Bindungsunfähigkeit ist.

Zusammenfassung

„Kriegserfahrungen“, d.h. Gewalterfahrungen und Verlusterfahrungen waren für die Kriegsgeneration und die Kriegskinder mit dem Einüben von Gefühlskontrolle verbunden. Mit dem eigenen Leid Trost und Geborgengeit bei Anderen zu suchen, war tabuisiert, es herrschte das Verbot zu trauern. Erfahrung von mitfühlender Gemeinschaft im Leid fehlte. Das Ideal der Stärke und das Ausgrenzen und Entwerten von allem, das als schwach und anders angesehen wurde, war herrschend. Einfühlsamkeit, Bindungsfähigkeit und Nähe waren keine Ideale. Diese Erziehungs-„ideale“, dieses Menschenbild lebt in den Kindern, Enkeln und Urenkeln nicht ungebrochen weiter. Seit Ende der 60 iger Jahre hat sich viel entwickeln können.

Die Frage nach dem Erbe führte zu Frage nach unserem Menschenbild: Dem jedes Einzelnen von uns und dem, das gesellschaftlich handelnde Gruppen wie Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und religiöse Gruppen, Geschäftsleute, Finanzmanager, Juristen, Pädagogen und Ärzte u.v.a.m. in Wort und vor allem in Tat zum Ausdruck bringen. Als Ärztin habe ich den Schwerpunkt darauf gelegt, dass es gesellschaftlich hergestellte und zu verantwortende Zustände sind, wie Alte und Kranke behandelt werden, wie Ungeborene und Neugeborene und Kinder gesehen werden, wie Todkranke und Sterbende leben können. Auch an was und wie geforscht wird, hat mit den Vorstellungen, was Menschen zum guten Leben brauchen, zu tun. Wissenschaftliche Forschung steht immer im Dienst des erwünschten Menschenbildes. Wir sehen eine Entwicklung, die die Versorgung von Kranken mit gutem medizinischem Handwerk und reduziertem pflegerischen Einsatz als Produkt, als Ware anbietet und verkauft.

Hirnforscher und Genetiker bestimmen die medizinischen Forschungsrichtungen weitaus stärker als Sozialmediziner und Ärzte, die den Leib-Seele-Dualismus überwinden wollen. Was als heilsam und menschenwürdig angesehen wird, ist eine gesellschaftliche „Vereinbarung“. Der Umgang mit Schutzbedürftigkeit, mit Angst und Hilflosigkeit ist ein zentrales menschliches Thema, es ist und sollte ein Prüfstein für den Zustand von Gesellschaften, für ihre Menschlichkeit sein. Mit großer Sorge und scharfer Kritik sollten wir z. B. die Situationen in Krankenhäusern und Pflegeheimen sehen und begleiten, wo die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte immer mehr verschlechtert werden. Diese Entwicklung mindert und behindert alles, was mit Einfühlsamkeit, mit Linderung von Angst, was mit Respekt vor den Bedürfnissen zu tun hat. Sind das die Folgen nationalsozialistischer Erziehung, von Krieg und Nachkrieg in der zweiten, dritten und vierten Generation?

Wenn von „Humankapital“ gesprochen wird, wenn der Trend der „Selbstoptimierung“ kritiklos propagiert wird, wenn die Vorstellung, dass „die Gene“, „das Erbgut“ und nicht, wie wir leben, für Gesundheit und Krankheit von zentraler Bedeutung sind, sind wir dann im Bann des postfaschistischen Denkens, ohne es zu erkennen?

Wenn von „Humankapital“ gesprochen wird, wenn der Trend der „Selbstoptimierung“ kritiklos propagiert wird, wenn die Vorstellung, dass „die Gene“, „das Erbgut“ und nicht, wie wir leben, für Gesundheit und Krankheit von zentraler Bedeutung sind, sind wir dann im Bann des postfaschistischen Denkens, ohne es zu erkennen? Es gibt in der Gesellschaft beides: Gruppen, die die Fähigkeit zu solidarischem Handeln als hohes Gut festhalten und einfordern, wo es bedroht ist – sie sind für mich die Erben des antifaschistischen Denkens und Handelns. Es gibt z. B. Pädagogen und Jugendmediziner, die Kinder als Individuen sehen und ihre Entwicklung respektvoll fördern wollen. Es gibt starke Gruppen, die Abhärtung, Leistungsfähigkeit und hohe Belastbarkeit idealisieren und das Leben von Bedürftigen immer mehr erschweren.

Ein Ergebnis dieses Abends sollte sein, uns die historischen Wurzeln dieser Denkrichtungen ins Bewusstsein zu heben, damit wir wachsam bleiben.

Literatur bei der Verfasserin

Seite drucken