Integrierte Medizin in der täglichen Arbeit

Vorstand der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM). © Sven Eisenreich

Die Medizin geht heute von einem Menschenbild aus, das den Menschen als „autark“ definiert, und das seine Umgebung – zu der für den Arzt auch seine Patienten gehören – als „objektive, für alle gleiche Realität“ versteht, die technisch manipuliert werden kann und muss. Für dieses Menschenbild sind Krankheit und Behinderung technische Probleme, die vom Arzt als außenstehendem Experten behandelt werden.

Im Unterschied dazu versteht Integrierte Medizin den Menschen nach einem – in einem umfassenden Sinn verstandenen „biologischen Konzept“ – als autonomes Subjekt in einem System aus Organismus und Umwelt. Sie weiß, dass Autonomie, also die Fähigkeit, über seine Leistungen (eigengesetzlich) verfügen zu können, einer „passenden Umwelt“ bedarf, da seine körperlichen und psychosozialen Leistungen „ergänzungsbedürftig“ sind:

  • Atmung als Leistung seiner Lungen bedarf der Gegenleistung einer passenden Außenluft.
  • Stehen und Gehen als Leistungen seiner Füße bedürfen der passenden Gegenleistung eines haltgebenden Bodens.
  • Sprechen braucht Zuhören, Geben braucht Nehmen und Fragen brauchen Antworten, um autonom, d.h. als Subjekt handeln zu können.

„Umwelt“ als Gesamtheit der passenden Gegenleistungen entspricht daher einem lebenswichtigen „Organ“, das ständig aus der neutralen Umgebung aufgebaut werden muss. Diese Verhältnisse gelten für alle lebenden Systeme. Sie gelten schon auf der Ebene der Zellen und Organe im Körper, und sie gelten ebenso auf der Ebene sozialer Einheiten. Aufbau von Umwelt vollzieht sich als Herstellen von Beziehungen, die das lebende System durch kybernetische Schleifen mit passenden Umweltbestandteilen verbinden. Beziehungen sind „Einheiten des Überlebens“ auf Zeit und keine mechanischen Vorgänge.

Krankheit und Behinderung lassen sich unter diesem Aspekt als Störung der Passungsverhältnisse auf einer oder mehreren Ebenen des Menschen als bio-psycho-soziales System verstehen und Gesundung als Herstellung neuer Passungen. Krankheit und Behinderung dürfen daher nicht einseitig als gestörte körperliche und/oder psychosoziale Leistungen des Kranken oder als defiziente Gegenleistungen der Umwelt gedeutet werden. Es müssen immer beide Seiten in ihrem Ergänzungsverhältnis in Rechnung gestellt werden.

Um den Kranken zu verstehen und Interventionen planen und durchführen zu können, muss der Arzt mit dem Kranken eine gemeinsame Wirklichkeit aufbauen.

Der Arzt ist für den Kranken Teil seiner Umwelt bzw. individuellen Wirklichkeit. Um den Kranken zu verstehen und Interventionen planen und durchführen zu können, muss der Arzt mit dem Kranken eine gemeinsame Wirklichkeit aufbauen.

Ziel jeder Behandlung ist Erhaltung oder Wiederherstellung der Autonomie des Kranken. Bei bleibender oder fortschreitender Behinderung, die weder geheilt noch gebessert werden können, verfolgt die Behandlung dieses Ziel durch palliative Bemühungen.

Integrierte Medizin ist also das Bemühen, dieses Verständnis durch Entwicklung und Erprobung eines Modells zu erreichen, das den Menschen als bio-psycho-soziales System begreift, das auf „Passung“ zwischen seinen Subsystemen und ihren Umwelten, sowie auf Passung zwischen seinen Systemebenen beruht.

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