Werkstattbericht – Teil II

Angeregte Diskussionen während der Modellwerkstatt. © Sven Eisenreich

AIM-Modellwerkstatt im Glottertal

Samstag, 3. Dezember 2016

Eingestimmt durch Vortrag und Diskussion am Tag zuvor gingen wir, die Teilnehmer, mit geschärften Sinnen an das Arzt-Patient-Gespräch, aufgenommen während des Aufenthaltes in einer psychosomatischen Rehaklinik, vorgestellt von Gerlind Leiniger per Videoaufnahme, heran.

In dem Gespräch erzählt die Patientin von ihrer schwarzen Vergangenheit voller Gewalt, Entwertung und Verlusten, gerahmt von Drogenabhängigkeit in zwei Generationen. Hin- und hergerissen ist sie zwischen Liebe und Wut, zwischen Nähe- und Distanzbedürfnis. Sie kennt sich aus im Leben, nur nicht mit sich selbst. Immer wieder hat sie sich gerettet, vor dem jetzigen stationären Rehaaufenthalt war ihr die Kraft ausgegangen, Angst und Hoffnungslosigkeit überfluteten sie. Die Arbeit in der Altenpflege war ihr nicht mehr möglich, seit Monaten ist sie arbeitsunfähig erkrankt. Durch die Aufnahme bei ihrer Tochter findet sie soweit Kraft und Hoffnung , dass sie den Reha-Aufenthalt auf sich nehmen kann.

Die Reflexion der Kasuistik erfolgte in drei Blöcken, durch die Teilnehmer, die Linguistin und den Metaphern-Experten.

Wir Teilnehmer äußern uns zu der Frage: „Und was fiel mir auf?“

  • der Kampfgeist,
  • der maschinengewehrartige Sprachduktus und
  • die polarisierende Ausdrucksweise: Liebe – Hass, voller Kraft – am Ende, Körper – Gehirn, Nähe – Distanz

Die Linguistin Professor Dr. Elisabeth Gülich stellte ihr Erkenntnismittel, die Sprachanalyse, mit entsprechenden sprachanalytischen Überlegungen zum Videogespräch vor. Eine Übersicht des Gesprächsverlaufs sowie verschiedene Transkriptionsausschnitte waren die Grundlage ihrer Reflexionen. Sie sortierte das Gespräch bzgl. der Erinnerungsproblematik (Erzählfluss, verschiedene Redeansätze), der Redewiedergabe (z. B. direkte Rede) und der Identitätskonstitution. Wie wird die Geschichte der Patientin rekonstruiert? Durch offene Fragen, durch Frage-Antwort oder szenisch? Wo sind Relevanzsetzungen, wie die Interpretationen. Die Erzählung ist ein interaktives Produkt.

Es gibt so etwas wie eine Mindestthematisierungszeit.

Frau Gülich zeigt uns auf, wie schlechte Lebensphasen schnell durch Aufzählung (Assoziation: Maschinengewehr), wie Stimmungen durch veränderte Stimmqualität dargestellt werden, wie Detailerzählungen repariert werden; so entsteht Narrationsdynamik.

Ihr Fazit ist: Es gibt immer eine Dynamik des Aufbaus, z.B. eine Mindestthematisierungszeit , bei unseren Reaktionen handelt es sich um pauschale komplexe oder multimodale Gestalten und gleichzeitig hängt es im Detail. Die Position der ZuhörerInnen oder als BetrachterInnen ist bedeutsam.

Der Psychoanalytiker Michael B. Buchholz nimmt sich das Thema Metapher im vorgestellten Videogespräch vor. Raumbestimmungen, wie oben – unten, Körper – Gehirn, auf Drogen, bezeichnet er als Metaphern, ebenso die Personifizierung der Vergangenheit. Der Bericht über die Mutter, die immer sagte: „Red schneller“, spitzt er in der klinische Hypothese: „Die Imago der schlechten Mutter ist im Therapie-Raum“ zu. Die Äußerung der Patientin: „Ich bin anders“, bezeichnet er als Lebensvermächtnis.

Bemerkungen der Teilnehmer runden das Erlebte ab:

  • der Beruf der Patientin als re-pair, wie ein Abwehrarrangement
  • Auslösemoment der Erkrankung könnten die alternden Eltern sein, moralische Aufforderung, zurück in die Welt der Traumata zu kehren
  • eine mühsame Heilung über mehrere Generationen
  • veränderte Metaphorik im Heilungsprozess
  • good enough mother, ein gemeinsamer Suchprozess
  • ein Metaphern-Tanz
  • Metapher ist Konstruktivismus

Voller neuer Anregungen und mit dem Vorsatz, der Sprache und Rede noch größere Aufmerksamkeit zu schenken, beenden wir bereichert die Modellwerkstatt.

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