Vorprogrammierte Passungsstörungen in einer Umwelt der Gedankenlosigkeit

Frau C. hat MS: Wenn die Nerven blank liegen

Buchbesprechung von Gisela Volck

120 Seiten sind schnell gelesen, beschäftigen wird man sich lange mit dem, was man da erfahren hat!

Frau C. nimmt uns in das Erleben ihrer Krankheit mit. Vor neunundzwanzig Jahren schlug die Krankheit wie ein Blitz ein. Es begann mit einem hochakuten Geschehen im Kopf, in den bildgebenden Verfahren als Metastasen und Tumore gedeutet. Mitten in der Medizinmaschinerie erlebt sie Intensivmedizin, Operationen, Irrtümer und den Zusammenbruch einer Welt. Frau C. lässt uns anhand eines Tagebucheintrages daran teilnehmen. Sie findet ins Leben zurück, Erholung, ein schubfreies Intervall und dann ging es wieder los. Frau C. denkt über die vielen Erfahrungen mit MS nach, sie interessiert sich für Geschichten von Leuten mit MS, sie führt mit MS-Kranken narrative Interviews durch und lässt sich schließlich selbst interviewen. Sie nimmt hohe Aufgeklärtheit, eigene Theorien von der Entstehung der Erkrankung, hohe Skepsis gegenüber der Medizin, verquere Arzt-Patient-Beziehungen und immer wieder die Frage der Mobilität wahr.

Frau C. ist auf den Rollstuhl angewiesen, das Ende der Spontaneität in einer Welt voller Hindernisse.

Frau C. ist auf den Rollstuhl angewiesen, das Ende der Spontaneität in einer Welt voller Hindernisse.

Wir nehmen als Leser ein Stück an ihrem Alltag teil, dem Tagesbeginn, der Pediküre, Feldenkrais, Augenarztsuche, Überlegungen zu einem Restaurant-, Kino- oder Theaterbesuch und der fehlenden Barrierefreiheit. Eine Reise nach Ägypten sollte mit guter Planung möglich sein; doch anstatt dessen musste sie das Leben in einer neurologischen Klinik und viele Leidensgenoss*innen kennenlernen. Sie lässt sich auf eine empfohlene Chemotherapie ein, sie denkt über Selbstmord nach und träumt von Heilung.

Claudia Hontschik, Pädagogin, Supervisorin, systemische Beraterin setzt sich in ihrem Buch mit einer Krankheit, der Multiplen Sklerose, mit dem Leben von Frau C. mit Multiple Sklerose und der Beziehung zu deren Umwelt auseinander. Ergebnisse gründlicher Recherche zu der Krankheit Multiple Sklerose, zur Gleichstellung, zur Selbstbestimmung und Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung fließen in gesonderten kleinen Kapiteln unter der Überschrift „gut zu wissen“ ein.
Das Voranschreiten der chronischen Krankheit bedeutet Passungsstörung über Passungsstörung. Wie Frau C. mit dem sich wiederholenden Passungsverlust mit ihrer Umwelt umgeht, erfahren wir in diesem Buch, das ein Lehrstück für alle Ärzt*innen, Behandler*innen, ja für alle ist. Denn Frau C´s. größter Feind ist die Gedankenlosigkeit der Menschen.

Frau C. hat MS: Wenn die Nervenblank liegen
Westend-Verlag. Februar 2018. Gebundene Ausgabe. € 16.00

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