Zum Tod von Christian Hess

Christian Hess. © amm - akademie menschenmedizin

Ein streitbarer Arzt, der den Menschen als Ganzheit verstand

Ein Nachruf von Christoph Pfluger

Am 25. September ist Christian Hess, kurz vor seinem 69. Geburtstag, verstorben. Wir veröffentlichen hier einen Nachruf, der auf dem Portal https://www.infosperber.ch erschienen ist.

Ein streitbarer Arzt, der den Menschen als Ganzheit verstand

 

Christoph Pfluger / 02. Okt 2019 – Zum Tod von Christian Hess, langjähriger Chefarzt am Bezirksspital Affoltern am Albis und Mitgründer der «Menschenmedizin».

Christian Hess.

«Wenn der Mensch nur Maschine ist und es weder Geist noch Beziehung und Tod geben darf, kann man ihn unbeschränkt reparieren. Dies ist die tiefere Ursache der permanenten Krise im Gesundheitswesen.» Davon war Christian Hess, ehemaliger Chefarzt des Bezirksspitals Affoltern und Pionier einer menschengerechten Medizin überzeugt. Und dafür ist er auch Risiken eingegangen, die ihm letztlich den Job gekostet, der Schweiz aber die wichtige «Akademie Menschenmedizin» gebracht haben.

Christian Hess (*1950) war sich des Menschen als Ganzheit gewiss, die auch im kranken Zustand als Ganzheit behandelt werden soll. Konsequenterweise führte er als Chefarzt im Bezirksspital Affoltern die Psychotherapie, die Seelsorge oder die Ethik ins Angebot ein und integrierte auch die Angehörigen der Patienten in den Heilungsprozess. Dies führte zwar zu etwas längeren Aufenthaltszeiten, aber mit positivem Ergebnis, auch wirtschaftlich. Die ehemaligen Patienten brauchten weniger ärztliche Nachbetreuung und blieben länger gesund. Dies schlug sich u.a. in den tiefsten Gesundheitskosten im Bezirk Affoltern des ganzen Kantons Zürich nieder. Das gefiel allerdings nicht allen. Christian Hess’ Arbeit als Chefarzt wurde zunehmend von Konflikten mit Behörden geprägt, die das mit seiner Frau Annina Hess-Cabalzar entwickelte Konzept der «Menschenmedizin» zunehmend erschwerten (ausführlich dargestellt in ihrem Buch «Menschenmedizin – für eine kluge Heilkunst», Suhrkamp, 2006).

Wenn der Mensch nur Maschine ist und es weder Geist noch Beziehung und Tod geben darf, kann man ihn unbeschränkt reparieren. Dies ist die tiefere Ursache der permanenten Krise im Gesundheitswesen.

Nach 21 Jahren verliess Christian Hess 2012 das Bezirksspital Affoltern und gründete zusammen mit seiner Frau die «Akademie Menschenmedizin» (AMM), die pointiert und praktisch die Systemfehler unseres Gesundheitswesens angingen – nicht nur an eigenen Symposien, sondern auch mit innovativen Angeboten wie dem «Café Med». Bei dieser öffentlichen Sprechstunde können sich Patienten kostenlos und unverbindlich von Fachleuten zu allen möglichen gesundheitlichen Problemen beraten lassen. Das «Café Med» gibt es regelmässig in Zürich, Luzern und an wechselnden Orten in der ganzen Schweiz. Ein anderes Angebot der AMM ist die kostenlose Begleitung durch eine Fachperson bei kritischen Arztbesuchen mit schwierigen Entscheidungen.

Christian Hess blieb auch mit der Akademie Menschenmedizin ein streitbarer Mensch. Zeugnis dafür ist die «Aktion Provokation». Begonnen hat sie mit provokanten Plakaten an einem Ärztekongress, die auf grosses Interesse stiessen. Die Botschaften:

«Die häufigste Krankheit ist die Diagnose», «Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist» oder «Wir leben mit medizinischer Über- und emotionaler Unterversorgung».

Am 25. September ist Christian Hess, kurz vor seinem 69. Geburtstag, verstorben. Die Schweiz verliert einen wichtigen Gesundheitsreformer, der in idealer Weise Theorie, Praxis und Information zu verbinden wusste. Man wünscht sich viele Nachfolger.

Weitere Informationen unter: https://www.infosperber.ch 

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