Begriff

Ein Glossar als Sammlung erklärungsbedürftiger Begriffe muss mit einer Definition des Terminus „Begriff“ bzw. mit einer Darstellung der Funktion beginnen, die „Begriffe“ für unser Wahrnehmen, unser Denken und Handeln haben.

J. v. Uexküll (1902) beschreibt die Darstellung, die Kant dafür gegeben hat:

„Kant weist darauf hin, dass wir nicht mit den Gegenständen selbst denken, ebenso wenig mit den von ihnen abstrahierten mehr oder weniger vollständigen Erinnerungsbildern und Vorstellungen, sondern dass wir mit Begriffen denken.

Der Begriff selbst ist etwas durchaus Unanschauliches, man denke z.B. an die Begriffe: Hund, Busch, Hausgerät etc., die gar keiner bestimmten Anschauung entsprechen können, weil sie sich auf eine Menge sehr verschiedener Gegenstände beziehen, dabei aber dennoch diesen Komplex von Gegenständen mit Sicherheit charakterisieren.

Der Begriff aber ist – und das ist vielleicht die größte Errungenschaft Kant’schen Geistes – nichts anderes als die Regel unseres Apperzeptionsprozesses, wodurch sich die Erscheinungen zu Gegenständen formen. Es bleibt uns also die rätselhafte Weise, in der wir den Gegenstand schufen, im Gedächtnis, und wenn diese Schöpfung wieder vor sich geht, so entsteht von neuem der Gegenstand. Dieser kann nur dann entstehen, wenn in der Sinnlichkeit Erscheinungen gegeben sind, an denen dieser Prozess vorgenommen werden kann. Die Erinnerung aber an den Akt der Schöpfung, mit anderen Worten seine Regel, ist immer gegenwärtig und unabhängig von dem Erscheinungsmaterial. Sie kann dazu benutzt werden, Gedankendinge zu formen, sie dient dazu, uns die nicht momentan apperzipierten Gegenstände gegenwärtig zu halten, ohne sie ist kein Denken möglich.

Das Schema oder die Regel, nach der wir Gegenstände konstruieren, nennen wir Begriff.“

Begriffe sind also weder „die Sachen“ noch Abbildungen der Sachen, sondern Regeln für unsere Wahrnehmung oder unsere Vorstellung, um „die Sachen“ zu konstruieren. Diese Definition hilft uns, die Beziehung zwischen Theorie und Praxis zu verstehen. Sie macht uns klar, welche Auswirkungen fehlende oder falsche Begriffe für die Praxis haben müssen.

Da wir schon längst mit „Sachen“ umgehen, ehe wir in der Lage sind, die Begriffe zu formulieren, nach denen unsere Wahrnehmung sie konstruiert, müssen wir davon ausgehen, dass die Begriffe in unserem unreflektierten Erleben unbewusst tätig sind. Diese Konsequenz hat Piaget aus seinen Arbeiten über das Entstehen der Intelligenz bei Kindern gezogen und die Existenz eines „kognitiven Unbewussten“ postuliert (Piaget 1973).

Für die Medizin wird das Problem der Bedeutung, die Begriffe für das Denken und Handeln der Ärzte haben, aktuell, weil sie zwei Begriffe für „Körper“ hat, von denen nur der mechanistische Begriff zu einem handlungsleitenden Modell entwickelt wurde, der andere aber für unser Verständnis des Körpererlebens unerlässlich ist.

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