Thure von Uexküll

Seine Geschichte und sein Leben

Von Wulf Bertram

Der lange Weg von Heidelberg nach Ulm

Thure von Uexküll mit seinem Vater Jakob (1915).
Thure von Uexküll mit seinem Vater Jakob (1915).

Thure von Uexküll wurde am 15. März 1908 in Heidelberg geboren. Seine Eltern waren der Biologe Johann Jakob von Uexküll und Gudrun Gräfin Schwerin-Uexküll, die sich als Übersetzerin von „Das Buch von San Michele“ des schwedischen Arztes Axel Munthe, ein Kultbuch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einen Namen gemacht hatte. Jakob von Uexküll gilt als ein Wegbereiter der biologischen Ökologie. Er führte den Begriff der Umwelt in die Biologie ein und war ein Pionier der theoretischen Biologie und der Biosemiotik.

In diesem intellektuellen Umfeld wuchs der Sohn Thure in Hessen und Pommern auf und kam 1924 nach Hamburg, wo sein Vater das Institut für Umweltforschung gründete. Er studierte von 1928 bis 1934 Medizin, wie damals üblich an mehreren Universitäten, in München, Innsbruck, Rostock und Hamburg, wo er sein Staatsexamen ablegte und als Assistenzarzt in der Neurologischen Klinik des Barmbeker Krankenhauses begann. 1935 ging er nach Berlin an die Charité, dort nahm er eine Volontärstelle bei Ernst von Bergmann, einem Pionier der psychosomatischen Medizin, an.

Jakob von Uexküll gilt als ein Wegbereiter der biologischen Ökologie.

Seine Aussichten auf eine akademische Karriere waren allerdings begrenzt, weil er sich weigerte, in die NSDAP einzutreten. Wenig förderlich wirkte sich auch aus, dass sein ein Jahr jüngerer Bruder Gösta von Uexküll jüdischen Mitbürgern zur Flucht verholfen hatte, von der Gestapo verfolgt wurde und nach Schweden geflohen war.

Von 1943 bis 1945 war Thure von Uexküll als Polizeiarzt eingesetzt, nach dem Krieg leitete er eine Sammelstelle des Roten Kreuzes für befreite KZ-Häftlinge. Nach einem kurzen Intermezzo als kommissarischer Leiter des Radiologischen Instituts der Universität Hamburg ging er nach München, wo Ernst von Bergmann inzwischen lehrte und ihn 1948 habilitierte. 1953 bis 1954 führte ihn ein Rockefeller-Stipendium in die USA, wo er an Zentren für Psychosomatische Medizin tätig war und die Pioniere der amerikanischen Psychosomatik kennen lernte.

Als Facharzt für Innere Medizin wurde er 1955 Leiter der Medizinischen Poliklinik der Universität Gießen, 1966 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Psychosomatik an der neu gegründeten Universität Ulm. Seine Abteilung wurde zur Keimzelle einer ebenso produktiven wie expansiven internistischen Psychosomatik, aus der mehrere Ordinarien und Chefärzte psychosomatischer Kliniken hervorgingen, von denen wiederum einige zu den Gründern der Akademie für Integrierte Medizin gehörten. In seine Ulmer Zeit fiel auch die Herausgabe des „Schwerbuchs“, wie er es augenzwinkernd nannte, des großen Lehrbuchs der Psychosomatischen Medizin bei Urban & Schwarzenberg, das mittlerweile in sieben Auflagen erschienen ist.

Anfang der 60er Jahre erreichte Uexküll als Mitglied der „Kleinen Kommission“ zur Reformierung der bis dahin geltenden Approbationsordnung für Ärzte, dass Medizinische Soziologie, Psychologie und Psychosomatik fest im Curriculum für deutsche Medizinstudenten verankert wurden.

Die Gründung von DKPM und AIM

1974 gründete Uexküll gemeinsam mit einer Gruppe von Gleichgesinnten das „Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin“ (DKPM), die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Psychosomatiker.

Uexküll setzte sich dabei stets für eine Psychosomatik ein, die nicht als eine weitere spezialisierte Fachdisziplin neben den anderen medizinischen Fächern forschen und versorgen, sondern integraler Bestandteil aller praktischen Fächer der Medizin sein sollte.

Uexküll setzte sich dabei stets für eine Psychosomatik ein, die nicht als eine weitere spezialisierte Fachdisziplin neben den anderen medizinischen Fächern forschen und versorgen, sondern integraler Bestandteil aller praktischen Fächer der Medizin sein sollte. Um zu demonstrieren, dass eine solche Medizin in einigen Kliniken und Praxen tatsächlich realisiert wurde, gab er 1981 im Schattauer Verlag ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel „Integrierte Psychosomatische Medizin“ heraus. Im Vorwort erklärte Uexküll als Ziel des Bandes „… einer breiten Öffentlichkeit darzustellen, dass in unserem dualistischen, in immer mehr und immer engere Spezialdiziplinen aufgeteilten Gesundheitssystem Einrichtungen existieren und funktionieren, die es nach dem Urteil vieler Fachleute sowohl aus dem Lager der somatischen Mediziner wie dem der Psychotherapeuten angeblich nicht geben kann.“ (Uexküll 1981)

Im Gegensatz zum Lehrbuch der Psychosomatischen Medizin, das zum Standardwerk heranreifte, blieb das Buch zunächst allerdings weitgehend unbeachtet. Die Zeit war offensichtlich noch nicht reif dafür.

Thure von Uexküll.
Thure von Uexküll.

Zehn Jahre später nahm Uexküll in Kooperation mit einigen Schülern und Sympathisanten eine zweite Auflage des Buches in Angriff. Inzwischen hatte sich die Situation erheblich geändert. Es waren – allerdings eher abseits der universitären und offiziellen Medizin – so viele Beispiele für eine gelungene Synergie somatischer und psychotherapeutischer Ansätze in Kliniken und Praxen entstanden, dass die Auswahl der vorzustellenden Einrichtungen eher schwerfiel. Deutlich wurde aus den Beiträgen, dass diese Pioniere einer integrierten psychosomatischen Medizin meist als Einzelkämpfer operierten, da ihre Verbindungen zur offiziellen medizinischen Szene schwächer geworden, ein Kontakt zu Gleichgesinnten aber praktisch nicht vorhanden war.

Im Gegensatz zur 1. Auflage stieß das Buch diesmal auf ein großes Echo. Als es erschienen war, zeichnete sich bei seinen Autorinnen und Autoren, die sich zuvor mehrmals im Glottertal zu Redaktionskonferenzen getroffen hatten, der Wunsch ab, den Kontakt zwischen den Mitarbeitern der vorgestellten Einrichtung nicht abreißen zu lassen, sondern die Diskussion fortzusetzen, den Informationsaustausch zu verstärken und nach weiteren, möglicherweise ebenfalls im verborgen arbeitenden Gleichgesinnten zu suchen. Die Vereinzelung der „Integrierten“ bot zudem keinerlei Möglichkeit, gesundheitspolitisch aktiv zu werden und auf das unbefriedigende dualistische Paradigma in der Medizin Einfluss zu nehmen.

Integrierte Medizin sollte zum selbstverständlichen Normalfall in der medizinischen Versorgung werden, nicht zur rühmlichen Ausnahme.

Konsequenterweise gründete Thure von Uexküll daraufhin die Akademie für Integrierte Medizin (AIM), die im August 1992 als gemeinnütziger Verein eingetragen wurde. Bei der Namensgebung der Organisation wurde bewusst auf das Attribut „psychosomatisch“ verzichtet, da es das Ziel der AIM ist, die verkümmerte oder ganz verlorengegangene psychosoziale Dimension in die traditionellen Fachgebiete der Medizin zurückzubringen. Damit ist eine solche „Integrierte Medizin“ immer auch psychosomatisch und die Disziplin Psychosomatik hätte aus dieser Warte die Aufgabe, sich selbst zunehmend überflüssig zu machen. Integrierte Medizin sollte zum selbstverständlichen Normalfall in der medizinischen Versorgung werden, nicht zur rühmlichen Ausnahme.

Ein Naturphilosoph im Unruhestand

Thure von Uexküll in seinem Turm-Arbeitszimmer auf Capri.
Thure von Uexküll in seinem Turm-Arbeitszimmer auf Capri.

Noch fast dreißig Jahre nach seiner Emeritierung setzte Uexküll seine wissenschaftlichen Studien und seine publizistische Tätigkeit fort. Er entwickelte die Technik der „reflektierten Kasuistik“, eine Methode der Fallarbeit, basierend auf seinem semiotisch-konstruktivistischen Modell und der Gliederung in „Geschichte einer Krankheit“, „Geschichte eines kranken Menschen“ und „Geschichte einer Arzt-Patienten-Beziehung“. Uexkülls Haus in der Sonnhalde in Freiburg wurde zu einer naturphilosophisch-medizinischen Denkfabrik und das alte Uexküllsche Familiendomizil auf Capri zur Werkstatt, in der er seine Texte zur Theorie der Humanmedizin schrieb und an den Neuauflagen seines Lehrbuchs arbeitete. Dort lernte er 1962 seine zweite Frau Marina, eine Solarphysikerin, kennen, die am Observatorium für Sonnenphysik arbeitete. 1969 heiratete das Paar, Marina von Uexküll war bis zum Tod ihres Mannes eine kongeniale Wegbegleiterin und Beraterin, die aus ihrer Distanz die psychosomatischen Szene und die Dynamik ihrer Entwicklungen überschaute wie kaum jemand anders und auch nach Uexkülls Tod dem Fach, seinen maßgeblichen Protagonisten und vor allem auch der Akademie für Integrierte Medizin verbunden blieb und den Uexküllschen Nachlass verwaltet. Ihre Gastfreundschaft in der Freiburger Sonnhalde ist legendär.

Thure von Uexküll war nicht nur ein brillanter Wissenschaftler und Denker, sondern auch ein lebensbejahender Grandseigneur. Als er einmal gefragt wurde, welche drei Eigenschaften er für seine besten hielt, antwortete er ohne zu Zögern: „Erstens Neugier, zweitens Neugier, drittens Neugier“. Mit dieser Haltung begegnete er auch seinen Schülern und Weggefährten, er unterhielt sich gerne auch mit viel jüngeren Kollegen und Studenten, unter anderem im Rahmen einer ständigen Regionalgruppe der AIM, die er liebevoll ironisch seine „revolutionäre Zelle“ nannte. Er konnte gut zuhören und verstand es, durch Rückfragen und konfrontative Kommentare selbst aus leicht verqueren Gedanken seiner jungen Sympathisanten intellektuelle Funken zu schlagen.

Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.

Wenn man die Fotos aus seiner kargen Gelehrtenstube in einem alten Turm an der Steilküste von Capri betrachtet, wo er in der kalten Jahreszeit eingehüllt in eine warme Decke seine Schreibmaschine bediente, käme man nicht auf die Idee, dass er auch ein Talent zum Genießer und Hedonisten hatte. Gerne zitierte er Goethes Bonmot „Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken“. Man könnte ergänzen, dass Uexküll sein langes Leben auch zu kurz fand, um es mit oberflächlichen und trivialen Gedanken zu verschwenden. Er hat das Denken, Beobachten und Hinterfragen sichtlich genossen.