Das Narrativ in der Arzt-Patient-Beziehung

Protokoll vom Treffen der Regionalgruppe Frankfurt

19.03.2015

Welche Rolle, welchen therapeutischen Wert hat das Erzählen in Hinblick auf Trauma und Verlust, auf Krankheiten und Unfälle, die zu einem Verlust der körperlichen und seelischen Sicherheit geführt haben?

Die Gruppe bezieht sich in ihrer heutigen Arbeit auf das Buch: „Narrative Bewältigung von Trauma und Verlust„.

Aus dem Vorwort: Das Erzählen im therapeutischen Prozess hat das Ziel die traumatisierende Erfahrung mit dem körperlichen und psychischen Schmerz in die Lebensgeschichte zu integrieren und so zu einer menschlichen Erfahrung, die mitteilbar ist, werden zu lassen. Durch die Versprachlichung des Traumas wird die traumatische Erfahrung zwar aktualisiert und verstärkt, am Ende jedoch kann, so die These des Buches, „eine narrative Figur entstehen, die eine erinnernde Wiederaneignung von Lebensgeschichte und den Aufbau einer als sinnvoll erlebten Kontinuität ermöglicht„, eine narrative Bewältigung.

Einführung in das Thema „Narrativ“ anhand des ersten Kapitels: Erfahrung und Erzählung von Jens Brockmeier: „Wir erzählen, um bestimmte Erfahrungen mit Bedeutung zu versehen und das besonders dann, wenn die Dinge komplex und verworren werden.“

Die Beziehung zwischen Erfahrung – Erzählung:

Wie wird eine Erfahrung zur Erzählung, zum Narrativ? Vier Eigenschaften werden hervorgehoben:

  • Sprache, Zeichen und Symbole
    Die Verwobenheit mit Sprache und anderen Arten der Zeichen (Zahlen, Muster) ist ein wichtiges Instrument im mentalen Leben, im Gespräch, aber auch beim Denken, Wahrnehmen, dem Gedächtnis und der Imagination. Zeichen, Wahrnehmungsmuster und Symbole brauchen einen symbolischen Raum. „Erfahrungen werden dadurch komplex, dass sie mit Sprache und anderen Zeichensystemen verschränkt sind und dadurch zugleich in größere kulturelle Bedeutungskontexte eingebunden werden“.
  • Zeitlichkeit
    Die eingeschriebene Zeitlichkeit; narrative Interpretation und Reflexion setzen zeitliche Ausdehnung voraus und stellen sie zugleich her. Bei bestimmten Formen der posttraumatischen Belastungsstörung ist die Bewusstheit der Zeit infragestellt, vergangene Ereignisse erscheinen als gegenwärtig.
    Erzählen ist menschliche Zeiterfahrung.
  • Qualia
    Die Fähigkeit, die „Wie es sich anfühlt“ –  Qualität der Erfahrung einzufangen, die subjektive Qualität, z.B. das Gefühl, überwältigt, machtlos, betäubt, sprachlos, gelähmt zu sein.
    Geschichten stellen sich auf die Realität der anderen ein, auf die Welt des Erzählers und des Zuhörers, da gibt es intersubjektive Ressourcen.
  • Interpretativität
    Narrative Erfahrung ist eine interpretierte Erfahrung. Die Identifikation bestimmter erlebter Phänomene als Erinnerungem ist ein interpretativer Akt. Erfahrung umfasst Gegenwart und Vergangenheit, aber immer auch eine interpretative Dimension. Die Erinnerung an Dinge ist nichts Gegebenes, sie ist vielmehr Ausdruck dessen, wie wir etwas erfahren haben, wie wir es interpretieren. Erzählen und Erzählung verstehen beruht auf Interpretation, neue Bedeutungsaspekte kommen hinzu oder verändern sich.

Interpretativität, Qualia, Zeitlichkeit und die Verwobenheit mit der Sprache und anderen kulturellen Formen der Zeichenvermittlung sind die vier Eigenschaften komplexer Erfahrung, die in einem narrativen Prozess entfaltet werden. So ist zu erklären, dass die Entwicklung des Lebensnarrativs unter Beteiligung des Arztes oder Psychotherapeuten (Co-Konstruktion) dem Patienten einen Teil seiner Kompetenz und Stärke zurückgibt.

Im 2. Teil der Sitzung wird die Kasuistik eines Patienten, der vor 18 Monaten ein Trauma am Arbeitsplatz erlitten hat und eine therapieresistente PTBS entwickelt hat, vorgestellt. Im Fortgang der Diskussion zeigt sich, dass in der gemeinsamen Arbeit (Co-Konstruktion) Psychotherapeut-Patient kein kohärentes Narrativ entstanden ist, entsprechend der ausbleibenden Integration des Traumas in die Lebensbiographie des Patienten. Als ausschlaggebende Faktoren werden diskutiert: sprachliche Begrenztheit, Patient kommt aus fernem Kulturkreis, nicht erfühlbare Interpretationsmuster, Passungsstörung in der Bedeutungserteilung.

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