Wie viel Emanzipation braucht der Mann?

Eingang zum Kreißsaal: Endet hier die Emanzipation oder beginnt sie dort bald neu? © Sven Eisenreich

Oder die deprimierte Männlichkeit!

Von Fritz Reinecke, Regionalgruppe Hamburg

Marissa Mayer, 37, inthronisierte Chefin des Internetkonzerns Yahoo, verkündet vor einem Jahr triumphierend, was ihr kein in ihrer Position vergleichbarer Mann nachmachen kann, im 7. Monat schwanger zu sein!

Ganz im Gegensatz dazu, melden sich immer mehr Männer, mit intakter männlicher Sexualfunktion und beklagen Potenzprobleme, ohne zu merken, dass sie den sexuellen Anforderungen ihrer Partnerin nichtmehr gewachsen sind. Hier geht es um Können oder Wollen. Emanzipierte Männer wissen, was sie wollen und sind unabhängig davon, beweisen zu müssen, was sie können.
Beim vorzeitigen Samenerguss verordnen Urologen ein Antidepressivum, um die Übererregbarkeit zu dämpfen und behandeln eine verdeckte Depression, weil enttäuschte Partnerinnen diese Männer abwertend behandeln. Gemeinsam sollte geklärt werden, wie mit der unterschiedlichen Dauer der Erregungskurve umzugehen ist.

Andere reagieren bei Belastungen mit körperlichen Beschwerden. Ein stressbedingter vermehrter Harndrang wird als Hinweis auf eine Erkrankung gedeutet und an den kompetenten Fachmann delegiert, der dann eine Entzündung der Prostata vermutet, anstatt das Problem im Umfeld des Patienten zu suchen. Auch wenn sich keine Entzündung nachweisen lässt, wird häufig völlig überflüssig antibiotisch behandelt. Jede weitere Untersuchung ohne Ergebnis führt dazu, den Patienten weiter zu verunsichern, der eine bisher noch nicht entdeckte schlimme Krankheit vermutet.

Selbst wenn sich Betroffene vor „Angst in die Hose“ machen, wird nur die Inkontinenz behandelt. Keiner denkt an die Angst, als Ursache für das Symptom.

Auch abakterielle Ursachen auf der Basis von Autoimmunerkrankung werden diskutiert. Fragen, was das Immunsystem derartig in Unordnung bringt, werden nicht gestellt.
Selbst wenn sich Betroffene vor „Angst in die Hose“ machen, wird nur die Inkontinenz behandelt. Keiner denkt an die Angst, als Ursache für das Symptom.

Häufig werden Männer falsch verstanden, wenn sie mit körperlichen Beschwerden indirekt auf Probleme aufmerksam machen und so zum Ausdruck bringen was ihnen fehlt, da sie nicht gelernt haben, über Gefühle zu reden. Selbstbewusste, emanzipierte Männer betrachten Probleme als Herausforderung und finden Lösungen auf der rationalen Ebene und werden von Frauen bewundert, weil sie in ihrem Aktionismus so pragmatisch sind.

Die anderen sind verunsichert, hilflos und verzweifelt und beklagen die verloren gegangene männliche Dynamik. Und wieder gibt eine somatische Erklärung, die gern akzeptiert wird: „Testoste-ronmangel“. Behandelnde Ärzte und besonders die Pharmaindustrie werden zum Potenzgeber und versprechen Wunder!

Inzwischen wissen wir, dass bei jedem 3. Mann über 50 ein latentes Prostatacarzinom zu finden ist, aber nur weniger als 15 % daran erkranken.

Selbst die gut gemeinte Vorsorgeuntersuchung entpuppt sich als Enttäuschung. Erhofft hatte man bösartige Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, um sie besser behandeln zu können. Inzwischen wissen wir, dass bei jedem 3. Mann über 50 ein latentes Prostatacarzinom zu finden ist, aber nur weniger als 15 % daran erkranken. Keiner weiß, wen es trifft!

Deshalb ist es erstaunlicherweise selbst bei einer nachgewiesenen Krebserkrankung erlaubt, erst einmal abzuwarten und nichts zu tun!!!! Bloß wer ist bereit, zu einem Leben auf dem Pulverfass?!, selbst wenn die Chancen, dass es gut geht bei 85% liegen!
Letztlich wird doch behandelt und Heilung versprochen, auch auf die Gefahr hin, inkontinent zu werden. Was immer geopfert werden muss, ist die männliche Potenz, auch wenn das Gegenteil behauptet wird. Immer kommt es zu Einschränkungen. Zunehmend melden sich Männer, die den Eingriff bereuen und nicht eingewilligt hätten, wenn sie vorher individueller aufgeklärt worden wären. Das darf nicht passieren. Und würde nicht passieren, wenn Betroffene, ihrem individuellen Bedürfnissen entsprechend, mehr mitentscheiden könnten.

Wie viel Emanzipation ist auf Seiten der Experten nötig, um unabhängig von wirtschaftlichen und anderen Erwägungen zu entscheiden, was für Betroffene das Beste ist?

Aber noch gilt die Meinung des jeweiligen Experten, an den man geraten ist, wesentlich mehr, als der Mut, sich eine eigene Meinung zu bilden. Spätestens hier könnte mehr Emanzipation von großem Nutzen sein! Oder wie viel Emanzipation ist auf Seiten der Experten nötig, um unabhängig von wirtschaftlichen und anderen Erwägungen zu entscheiden, was für Betroffene das Beste ist?

Es darf nicht sein, das Gesunde auf Grund fraglicher Blutwerte plötzlich krank und zum Patienten werden. An Stelle der Blutwerte sollten Persönlichkeitswerte wieder mehr im Vordergrund stehen.
Dazu brauchen wir keine Idealvorstellungen, wie die von jung Siegfried, den unverwundbaren Drachentöter. Ein stolzer und zärtlicher Liebhaber, aber auch Bezwinger der emanzipierten Powerfrau Brunhild. Schon damals hatten Versuche, Powerfrauen heimlich auszutricksen, tödliche Folgen. Daran ist zu denken, wenn Männer von heute ähnliches wünschen, wenn sie entsprechende Medikamente einnehmen.

Auch Männer, die für Volk und Vaterland den Heldentod sterben und dafür bewundert wurden, sind nicht mehr gefragt.
Selbst die, die im Industriezeitalter in den Fabriken das Geld verdient haben, werden zusehend von Computern ersetzt. Und selbst die Herren Finanzmanager mit uneingeschränkter Macht über unser Geld verzeichnen Imageverluste.

In einer Zeit mit einer gewaltigen aber berechenbaren Zunahme an alten Menschen, die integriert werden müssen, droht gleichzeitig eine unberechenbare Zunahme von psychisch Kranken.
Psychologen der TU Dresden haben herausgefunden, dass ein Drittel der heutigen Bevölkerung pro Jahr davon betroffen ist. In der Altersgruppe 18- bis 35- Jährigen betrifft das sogar 45 %. Das klingt paradox in einem Wohlfahrtsstaat, in dem sogar die Arbeitsministerin öffentlich erklärt, dass „psychische Störungen“ zu den „drängendsten Problemen der Arbeitswelt“ zählen. Das gilt gleichermaßen auch für Männer, obwohl nur wenige eine psychogene Ursache für Beschwerden akzeptieren können.

Wir müssen umdenken! Nach dem Soziologen und Psychiater Klaus Dörner befinden wir uns in einem gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch, von der Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft. Idealbilder der Männer von früher sind nicht mehr gefragt. Männer benötigen neue Konzepte, um wieder anerkannt zu werden.
Der Hirnforscher Gerald Hüther geht noch einen Schritt weiter: Der unverwundbar machende Panzer, den Männer zum Schutz vor der bedrohlichen Umwelt entwickelt haben, um Gefahren von den Seinen abzuwenden, wird nicht mehr benötigt. Gefragt ist eine zeitgemäße männliche Authentizität. Männer sollten mit einer neuen Haltung Rückgrat zeigen und Ressourcen nutzen, die ihnen von Natur aus mitgegeben sind.

Schon in der Bibel steht: Als sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, erkannten sich die ersten Menschen als Mann und Frau. Zwei komplementäre Formen ein und desselben Wesens. Sie sahen nicht nur unterschiedlich aus, sondern hatten auch unterschiedliche Bestimmungen.

Die genetischen Programme ermöglichen Männern eine individuelle männliche Entwicklung, die geprägt ist von den Erwartungen der Umwelt. Testosteron bedingt, benutzen Männer ihr Gehirn auf andere Weise. Sie machen sich von Anfang an mit mehr Antrieb auf den Weg. Sie sind kräftiger und definieren sich viel mehr über Leistungen, die sie vollbringen. Sie agieren im Gegensatz zu Frauen nach außen, deren Aufmerksamkeit mehr nach innen, auf Emotionen gerichtet ist.

Denn auch Frauen benutzen ihr Gehirn hormonell bedingt auf andere Weise. Sie sind einfühlsamer, geduldiger und bewegen sich graziler. Früher wurden Frauen nach der Pubertät zu Müttern, Männer zu Kämpfern. Oder es kam in Krisensituationen zur Arbeitsteilung, indem Männer nach neuen Lösungen suchen und Frauen die Sicherung des Erreichten übernahmen. Die Emanzipation der Frauen hat dies umgekehrt. Immer mehr Frauen agieren erfolgreich in Männerrollen. Die berechtigte Gleichstellung der Geschlechter und Regeln über Frauenquoten tun da ihr Übriges.

Obwohl Männer im Wesen anders als Frauen sind, macht die Emanzipation alle gleich. Besser wäre die Verschiedenheit zu nutzen. Schon intrauterin werden zwei wesentliche menschliche Grundbedürfnisse befriedigt. Einerseits sind wir aufs Engste miteinander verbunden, andererseits wachsen wir täglich über uns hinaus. Im weiteren Leben ist es kaum möglich diese gegensätzlichen Bedürfnisse gleichzeitig zu befriedigen.

Wir können nicht über uns hinauswachsen, wenn wir gleichzeitig verbunden sind. Daher propagiert der Hirnforscher Gerald Hüther eine geradezu geniale Idee, dieses Dilemma zu lösen. Er schlägt vor, die Verschiedenheit oder besser die unterschiedlichen Ressourcen von Männer und Frauen zu nutzen, um miteinander verbunden, gemeinsam die unterschiedlichen individuellen Möglichkeiten nutzend, über sich hinauszuwachsen.

Im Sinne einer „Shared Attention“ würden wir, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, so zu Potentialentwicklern. Prosaisch ausgedrückt, könnte man das auch als Liebe zwischen zwei Menschen bezeichnen. Welche Potentialentwicklung dabei entsteht, haben Generationen vor uns bewiesen.

So wie emanzipierte Frauen weibliche Potentiale betonen und letztlich auch erkämpft haben, sollten auch Männer lernen ihre natürlichen Fähigkeiten optimal zu nutzen, besonders dann, wenn sie befürchten müssen, in ihrer Rolle als Mann zu versagen.


Fritz Reinecke ist AIM-Mitglied und Facharzt für Urologie und Psychotherapie in Hamburg.

 

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