Hausarzt und Psychotherapeut: Ein starkes Duo

Vortrag auf den Stuttgarter Psychotherapietagen

Von AIM-Mitglied Suso Lederle

Jeder Mensch ist eine Einheit aus Körper und Seele. Seelisches Erleben und körperliche Krankheiten lassen sich nicht voneinander trennen. Der Arzt muss sowohl den Körper als auch die Seele seines Patienten im Blick behalten. An diesem Grundsatz versuche ich mich bei meiner Arbeit zu orientieren; und das bedeutet für mich auch, dass es keine strenge Trennung zwischen „Seelenarzt“ und „Körperarzt“ gibt.

An einem Fall aus meiner Praxis lässt sich das sehr gut veranschaulichen:
Ich betreue eine 50-jährige Patientin, die in den letzten zwei bis drei Jahren so ziemlich unter allen Symptomen gelitten hat, die man sich in der allgemeinärztlichen Praxis vorstellen kann: von Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Wirbelsäulenproblemen, Bauchbeschwerden, Verdauungssymptomen bis hin zu Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Es wurden viele diagnostische Untersuchungen durchgeführt; irgendwann war die Frau aber schließlich doch bereit, sich in eine Psychotherapie zu begeben. Schon nach drei oder vier Sitzungen schrieb der Psychotherapeut mir einen Brief, aus dem hervorging, was hinter den vielfältigen Beschwerden der Patientin steckte: „Frau X. stellte sich wegen starker Stimmungsschwankungen und wiederkehrender Phasen von innerer Unruhe, Unsicherheit, Antriebslosigkeit und Schuldgefühlen bei mir vor. Auslöser dieser Beschwerden sei, dass sie sich in eine Frau verliebt habe. Dadurch sei ihr ihre sexuelle Orientierung klargeworden, die sie bisher wohl immer verdrängt hatte. Eine Liebesbeziehung zu der Frau sei jedoch aufgrund deren beruflicher und persönlicher Situation nicht möglich.“ Der Psychotherapeut leitete daraufhin eine Behandlung ein, und die Patientin ist schon jetzt gelöster und kommt seltener in meine Praxis, weil ihre langjährigen Beschwerden sich durch diese Therapie bereits gebessert haben. Aber auch für mich ist es nun, da ich die Hintergründe kenne, sehr viel einfacher, mit ihren Beschwerden umzugehen.

Aufgrund dieser engen Verflechtung zwischen psychischen und körperlichen Problemen muss jeder Arzt bis zu einem gewissen Grad auch ein guter Psychologe sein: Er muss sich mit der Biografie, mit der seelischen Dimension seines Patienten auseinandersetzen. Und umgekehrt wird auch der Psychotherapeut die Situation seines Patienten besser einschätzen können, wenn er dessen Krankheitsgeschichte kennt. Deshalb müssen Arzt und Psychotherapeut eng zusammenarbeiten.

Psychische und psychosomatische Erkrankungen werden immer häufiger

Wir als Hausärzte sind die erste Anlaufstelle für die Patienten: Normalerweise geht man mit allen Beschwerden zuerst einmal zum Hausarzt. Dabei nehmen psychische Probleme einen immer breiteren Raum ein: Seit dem Jahr 2010 hat die Häufigkeit psychogener Erkrankungen um 19,6% zugenommen.

Vielen dieser Patienten ist die Beteiligung der Psyche am Kranksein zunächst einmal gar nicht bewusst.

Vielen dieser Patienten ist die Beteiligung der Psyche am Kranksein zunächst einmal gar nicht bewusst; vielmehr erwarten sie – und setzen uns Ärzte damit auch unter einen gewissen Druck –, dass man vorwiegend mit apparativer Diagnostik nach der Ursache ihrer Leiden forscht, möglichst viele Fachärzte hinzuzieht und dann natürlich auch rasch behandelt. Und wenn ein Patient unter Schmerzen, Übelkeit oder anderen Gebrechen leidet, ist es natürlich auch verständlich, dass er möglichst schnelle medikamentöse Hilfe erwartet. An eine Überweisung zum Psychotherapeuten denken da erst einmal die wenigsten Patienten, die in die hausärztliche Praxis kommen.

Vor allem bei älteren Menschen spielen psychische Probleme eine wichtige Rolle. Denn sie sind häufig multimorbid, d. h. sie leiden unter mehreren (meist chronischen) Erkrankungen, was natürlich auch eine gewisse psychische Belastung mit sich bringt. Außerdem haben sie diverse Lebensprobleme, die sich nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die Psyche auswirken: Der Rollenverlust nach der Pensionierung, sozialer Rückzug, körperliche Einschränkungen, oft aber eben auch eine psychische Problematik wie beispielsweise Depressionen. All das belastet sie. Und im weiteren Verlauf des Lebens kommen bei den meisten älteren Menschen dann auch noch Einbußen im kognitiven Bereich dazu: Man merkt, dass die Möglichkeiten der früheren geistigen Aktivität nicht mehr gegeben sind. Viele dieser Patienten hätten neben der hausärztlichen Betreuung sicherlich auch eine Psychotherapie notwendig.

Eine andere Patientengruppe, bei deren Behandlung die Psyche eine wichtige Rolle spielt, sind Krebspatienten. Durch ihre Diagnose wurden sie – möglicherweise erstmals und plötzlich – mit dem Thema Sterben und Tod konfrontiert. Mit der Krebserkrankung geht (insbesondere nach Operationen) oft auch ein gewisser Verlust von Körperfunktionen einher, sodass ihr Leben sich plötzlich total verändert und sie sich neu orientieren müssen. Auch eingreifende Behandlungsmethoden wie Chemotherapie, Bestrahlung und Operationen können eine Traumatisierung bedeuten. Wir Hausärzte müssen diese Patienten bei der Bewältigung der schwierigen Veränderungen in ihrem Leben begleiten. Oft brauchen sie aber auch eine Psychotherapie.

Die Universität Freiburg hat im letzten Jahr an 50 Kliniken Krebspatienten befragt – mit dem Ergebnis, dass über 50% dieser Patienten durch ihre Krebsdiagnose psychisch stark belastet sind und eigentlich einer psychoonkologischen Betreuung bedürften. Vor wenigen Wochen wurde auf dem Weltkongress für Psychoonkologie in Berlin auch noch einmal dafür plädiert, eine angemessene psychoonkologische Versorgung aufzubauen, da diese Angebote bei uns nach wie vor nicht flächendeckend vorhanden sind.

Von der Wiege bis zur Bahre

Wir begleiten diese Patienten über viele Jahre – oft bis zum Tod. Dafür haben wir keine spezielle Ausbildung, wissen aber natürlich aufgrund unserer medizinischen Kenntnisse, was ein Tumorleiden bedeutet. Gerade bei solchen Patienten spielt die „sprechende Medizin“ eine wichtige Rolle. Viele Patienten, die den Arzt wechseln, erklären mir: „Der hört mir nicht mehr zu, der versteht mich nicht.“ Das – und nicht etwa ein wahrgenommener Fehler in der Behandlung – ist für sie der Hauptgrund für einen Arztwechsel: Die Patienten wollen angehört und mit ihren Problemen ernstgenommen werden.

Viele Patienten, die den Arzt wechseln, erklären: Der hört mir nicht mehr zu, der versteht mich nicht.

Einer der wichtigsten Gründe, warum ich gerne Hausarzt bin, besteht darin, dass wir unsere Patienten über Jahre, oft sogar Jahrzehnte betreuen können. Aus diesem langjährigen Kontakt entwickelt sich eine sehr vertrauensvolle Beziehung: Der Patient kommt mit allem, was er auf dem Herzen hat, zu uns. Ob das nun Probleme mit seiner Partnerin sind, mit den Kindern, im Beruf oder sonstige Sorgen – für unsere Patienten sind wir zu einer Art Seelsorger-Ersatz geworden. Aufgrund dieser Vertrauensbasis lernen wir auch ihre Krankengeschichte kennen, aus der heraus wir ihre aktuellen Beschwerden besser interpretieren und natürlich auch leichter beurteilen können, ob plötzliche auftretende Symptome gefährlich sind oder nicht. Das ist der Vorteil des Hausarztes: dass er die Familie – oft über mehrere Generationen – hinweg kennt und bei Hausbesuchen auch mal in die Wohnungen hineinguckt; auch das ist äußerst spannend und sehr hilfreich, um einen Patienten besser kennenzulernen.

Aber wir sind nicht nur die erste, sondern auch die letzte Anlaufstelle: Wir begleiten unsere Patienten im Sterben und helfen dann auch den Angehörigen, diesen Verlust auszuhalten. Oft sind wir auch letzter Zufluchtsort für Menschen, die nicht mehr leben wollen. Ich habe schon viele Anrufe von Patienten bekommen, die nicht mehr weiterwussten. Dann versucht man per Telefon für diesen Patienten doch wieder eine Brücke zum Leben zu finden, um anschließend eine Weiterbetreuung an einer Klinik oder mit dem Psychotherapeuten zu arrangieren. Auch das ist eine wichtige Funktion des Hausarztes.

Leider herrscht bei uns in Deutschland ein Mangel an Psychotherapeuten: Man braucht im Schnitt 12 bis 15 Wochen, um einen Termin zu bekommen. Ein weiteres Problem ist, dass die Patienten oft in einer kritischen, distanzierten Haltung oder gar mit innerer Abwehr zum Psychotherapeuten kommen: Viele fühlen sich als „Psychofall“ abgewertet, wenn ich sie zum Psychotherapeuten schicke, und es bedarf mancher Überzeugungskunst, das wieder zu korrigieren. Auch deshalb ist eine gute Kommunikation zwischen Hausarzt und Psychotherapeut so wichtig: um Berührungsängste und Vorurteile vonseiten der Patienten abzubauen und gemeinsam auf eine möglichst umfassende, nachhaltige Genesung hinzuarbeiten.

Seite drucken
Schlagworte für diesen Artikel: