Trauer um Bernard Lown

Bernard Lown.

Ein charismatischer Botschafter der Heilkunst

Ein Nachruf von Wulf Bertram zum Tod von Bernard Lown (07.06.1921 – 16.02.2021)

Bernard Lown, Arzt, Kardiologe, Friedensaktivist und Ehrenmitglied der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) verstarb am 16. Februar 2021 im Alter von 99 Jahren kurz vor seinem 100. Geburtstag. Ein Nachruf von Wulf Bertram.

1999 bekamen wir am Schattauer-Stand während der Frankfurter Buchmesse hohen Besuch. Professor Ulrich Gottstein, renommierter Internist und Mitbegründer der deutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) und Vorstandsmitglied dieser Vereinigung, brachte ein Buch mit, dessen Titel “The Lost Art of Healing” lautete und fragte uns, ob der Verlag an einer deutschen Lizenzausgabe interessiert sei. Sein Autor war kein anderer als der Friedensnobelpreisträger Bernard Lown. Ich war sofort wie elektrisiert.

Kurz nach der Gründung der IPPNW war ich selber Mitglied dieser Vereinigung geworden, noch bevor sie den Friedensnobelpreis erhielt. Von Bernard Lown hatte ich bisher lediglich sporadisch aus den Mitteilungsblättern der IPPNW gelesen und ihn so als politischen Aktivist für die atomare Abrüstung und den Weltfrieden kennengelernt. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des Buches zeigte allerdings, dass es keine politische Publikation war, sondern ein ganz besonderes medizinisches Lehrbuch. Es war keine schwere Entscheidung, dieses Buch in unser Verlagsprogramm aufzunehmen und knapp drei Jahre später war die erste deutsche Auflage mit dem Titel “Die verlorene Kunst des Heilens“ erschienen – einer der größten Erfolge des Schattauer Verlages.

Suhrkamp brachte das Buch dann in Lizenz als preiswertes Taschenbuch heraus, welches weitere zig tausend begeisterte Leserinnen und Leser fand. Es heißt, dass einige medizinische Fakultäten dieses Buch als Pflichtlektüre für ihre Erstsemester empfahlen. Sein Autorenhonorar stiftete Bernard Lown SATELLIFE, einer NGO, die mithilfe der Digitalisierung Ärztinnen und Ärzten aus Entwicklungsländern den Zugriff auf die aktuellen Therapiestandards des Westens ermöglicht und dazu einen Satelliten ins Orbit schicken ließ.

Zur Buchpräsentation kam Bernard Lown persönlich nach Frankfurt. Unvergessen sein lebendiger, charismatischer Vortrag bei der “Vernissage” des Buches, und unvergessen ein Nachmittag mit ihm und seiner Frau Louise beim Tee im Haus von Ulrich Gottstein, bei dem er die Runde mit lebendigen Anekdoten und Erlebnissen aus seinen weltweiten Missionen unterhielt. Er hatte Gott und die Welt getroffen, darunter Boris Jelzin, Michael Gorbatschow, den Dalai Lama, Nelson Mandela, Lech Wałęsa, Fidel Castro. Letzterer sei ein gewaltiger Redner gewesen, habe bei den gemeinsamen Treffen pausenlos geredet und kaum jemand anders zu Wort kommen lassen, “… a little bit like you …” bemerkte Louise Lown mit liebevoll-schelmischen Schmunzeln.

Bernard Lown ist am 16. Februar in Chestnut Hill/Massachusets gestorben, weniger als ein halbes Jahr vor seinem 100. Geburtstag. Mit ihm verlieren wir einen der größten Mediziner unserer Gegenwart, der nicht nur auf wissenschaftlichem und therapeutischem, sondern auch als Humanist und auf sozialpolitischem Gebiet in die Geschichte eingeht.

Lown wurde 1921 in Utena/Litauen als Sohn eines Schuhmachers geboren. Angesichts der zunehmenden Bedrohung Europas durch die Nazis emigrierte die Familie 1935 in die USA. 1942 absolvierte er mit summa cum laude den Bachelor of Science an der University of Maine und promovierte 1945 an der Johns Hopkins University in Boston. Schon während seiner Studienzeit engagierte er sich in studentischen Gruppen, die wegen ihrer Forderungen nach sozialer Absicherung der Armen sowie nach gleichberechtigter Zulassung von People of Color (PoC), Frauen und Juden zum Medizinstudium argwöhnisch als “linkslastig” betrachtet wurden. Er entging nur knapp der Relegation von der Johns Hopkins Universität, nachdem er bewusst eine Blutkonserve ausgetauscht hatte, die mit der Kennzeichnung “W” versehen und eigentlich nur für Weiße bestimmt war. Blutkonserven für PoC waren mit einem “C” gekennzeichnet, und es galt, unabhängig von der Eignung der Blutgruppe die Konserven strikt rassengetrennt zu verabreichen. Lediglich durch die Unterstützung einer kämpferischen Studentengruppe, die drohte, dieses rassistische Vorgehen an die große Glocke zu hängen, entging er dem Ausschluss von der Universität, die sich einen solchen Skandal nicht leisten wollte.

Während der Ära des reaktionären Hexenjägers McCarthy wurde Lown als Arzt für den Einsatz im Koreakrieg bestimmt und wegen seiner unbeugsamen Haltung vom Captain zum einfachen Dienstgrad degradiert. In ein Militärhospital strafversetzt, hatte er morgens die Krankenhausgänge mit dem Besen zu kehren und durfte am Nachmittag Sprechstunde abhalten. Auf Fürsprache seines Lehrers und Förderers Samuel H. Levine erhielt Lown 1955 wieder eine Stelle am Peter Bent Brigham Hospital in Boston und wurde 1957 zum Assistant Professor an der Havard School of Public Health berufen.

Seine wissenschaftliche Karriere verlief steil. Wir verdanken ihm die Beschreibung des “Lown-Ganong-Levine”- Syndroms, einer Störung im Reizleitungssystem des Herzens, und die 1971 publizierte “Lown-Klassifikation” der ventrikulären Extrasystolen sowie die Erstbeschreibung des Sick-Sinus-Syndroms. 1961 entwickelte Lown die Gleichstromdefibrillation, 1962 erstmals die Elektrokardioversion, bei der Vorhofflimmern wieder in Sinusrhythmus zurückgeführt werden kann. 1965 entdeckte er die Wirksamkeit von Lidocain zur Behandlung ventrikulärer Extrasystolen und entwickelte dieses Prinzip zur Standardtherapie. In seinem Buch “Die verlorene Kunst des Heiles” beschreibt er eindrucksvoll seine Erlebnisse und Erfolge, aber auch vollkommen offen seine Niederlagen und Fehler in Forschung und Therapie. 1974 wurde er zum Professor für Kardiologie an der Harvard School of Public Health berufen.

Als 1972 eine medizinisch-wissenschaftlich Kooperation zwischen den USA und der Sowjetunion gegründet wurde, traf Lown mit Professor Evgeni Chasov zusammen, dem Direktor des Nationalen Herzforschungsinstituts in Moskau. Es entwickelte sich ein intensiver politischer Gedankenaustausch zwischen den beiden Kardiologen. Mit einer gemeinsamen Erklärung sowjetischer und US-amerikanischer Ärzte gründeten Lown und Charkow in 1980 die IPPNW. 1985 nahmen sie in Oslo den Friedensnobelpreis für diese Organisation entgegen.

Lown blieb auch nach seiner Emeritierung weiter politisch und wissenschaftlich aktiv und engagierte sich im Rahmen der Vereinigung “Ad hoc Committee to Defend Health Care” vor allem gegen die Kommerzialisierung des Gesundheitswesen zugunsten eines Systems, das nicht in erster Linie Technologie und Profit, sondern dem Wohl der Patientinnen und Patienten dienen soll.

Sein wissenschaftliches Werk umfasst etliche hundert Veröffentlichungen, mehrere Bücher und Buchbeiträge. Von mehr als 20 internationalen Universitäten wurde mit dem Ehrendoktor ausgezeichnet.

Lown vertritt eine integrierte Medizin, ohne sie je so genannt zu haben. Sein Werk ist ein beeindruckendes Zeugnis von einer Heilkunst (so der Titel seines letzten deutschsprachigen Buches) , die dem Körper viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt widmet, gleichzeitig aber auch die psychischen Aspekte von Gesundheit und Krankheit konsequent in ihr Denken und Handeln einbezieht und dies mit Nachdruck auch von allen Ärztinnen und Ärzten fordert. So war es nur konsequent, dass die Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) ihn zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. Bernard Lown kämpfte gegen die herrschende dualistische Spaltung in “zwei Medizinen”, eine für kranke Körper und eine andere für leidende Seelen. Um auf diesem Weg bei allem Widerstand der zunehmend technokratisch und kommerziell-kapitalistisch orientierten “Gesundheits”-Lobby den Mut nicht zu verlieren und unnachgiebig zu bleiben, brauchen wir Vorbilder, die diese Haltung konsequent vertreten, gelebt und in ihrer ärztlichen Praxis ebenso wie auf gesundheitspolitischer Ebene erfolgreich realisiert haben. Wir verlieren in Bernard Lown einen warmherzigen Freund und kämpferischen Mitstreiter, als Vorbild und Identitätsstifter bleibt er uns erhalten.

Deutschsprachige Bücher von Bernard Lown:

Die verlorene Kunst des Heilens – Anstiftung zum Umdenken, 2. Aufl. 2004. Stuttgart: Schattauer

Die verlorene Kunst des Heilens – Anstiftung zum Umdenken, Taschenbuchausgabe 2004. Frankfurt: Suhrkamp

Heilkunst – Mut zur Menschlichkeit, Reihe Wissen & Leben (Herausg. von Wulf Bertram), 2015. Stuttgart: Schattauer

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